Am Bande
26.08.2008 | 18:58 Uhr 2008-08-26T18:58:01+0200AUSGEZEICHNET. Sie hat's für die Kunst getan. Dini Thomsen bekam gestern das Bundesverdienstkreuz. Gemischtes Glück.
BEDBURG-HAU. Natürlich in Haus Nummer 10. Rheinische Landesklinik, Zur Mulde 10, Haus Nummer 10. Wo sonst? Sicher, es gibt üblichere Orte hoher Auszeichnungen - aber kaum einen geeigneteren - nicht für Dini (Alberdina) Thomsen. Und so durften sich gestern die Festgäste und -redner ins Kunstlabor aufmachen - alte Backsteinhäuser mit hohen Decken und vergitterten Fenstern, weiß getünchte Wände, schräg gegenüber der Blick auf die hochsicherheitsbezäunte Forensik - hier ist die ArToll-Künstlerin und -Initiatorin Dini Thomsen zu Hause, hier entsteht, hier lebt, hier wird aus Idee Kunst - und andersrum. Und hier bekam Dini Thomsen, die Niederländerin, gestern eine hohe deutsche Auszeichnung ans Revers genadelt: Das Bundesverdienstkreuz am Bande. Glückwunsch!
Sekt, Häppchen, beispielhaft
Der Landrat lobte und würdigte die "völkerverständigende" Arbeit, "das herausragende und dauerhafte Engagement für die Allgemeinheit", die beispielhafte ehrenamtliche Einsatzfreude der 64-Jährigen. Knapp drei Dutzend Vertreter aus Politik, Kunst, Klinikverwaltung und Wegbegleiter waren da, applaudierten und beglückwünschten. Blümchen, Sekt, Häppchen. Und mitten drin die Hochgelobte, die sich mitunter heimlich gefragt haben dürfte - hallo, was ist denn jetzt los?
Seit fast 15 Jahren lebt Dini Thomsen für ihre Ideen, holt Jahr für Jahr renommierte Künstler ins Haus Nummer 10. Zusehen wie Kunst entsteht, das Miterlebenkönnen eines Schaffensprozesses, dazu das ungewöhnliche Ambiente, die mitunter irritierende schöpferische Kraft des Ortes - eine einmalige Laborgeschichte. Immer schon lebte ArToll, dieser kleine ehrenamtliche Verein, von der Hand in den Mund. Mal überließ die Klinik den Künstlern das Haus mietfrei oder sponserte das Mittagessen, mal sprangen Sponsoren ein, wenn der Kühlschrank kaputt ging. Immer lavierte ArToll am Rande des Existenzminimums. "Ich frage mich manchmal", so Dini Thomsen, "warum ich das so lange aushalte." Die Antwort weiß sie selbst am besten: der Kunst, der Idee wegen. Und so gelang es der Niederländerin immer wieder, jemanden für die Büroarbeit zu begeistern, einen zu finden, der ein Paket Kaffee spendiert oder Geld zu sammeln, um eine dieser einzigartigen Ausstellungen in einem Katalog dokumentieren zu können. Es ist lange her, dass ein Offizieller mit einem Umschlag in der Hand vorbeischaute.
1994 war es, die Zeit, als mit dem Museum Schloss Moyland und dem Kurhaus Kleve zwei große Vorzeigemuseen entstanden, als Dini Thomsen und Mitstreiter ArToll gründeten, das Kunstlabor. "Abgesicherte Kunst", sagt Dini Thomsen, "war nicht Beuys' Ding. Die Leute sollen sehen können, wie Kunst entsteht. Und warum." Zehn bis 14 Veranstaltungen im Jahr stellt der Verein auf die Beine, immer ist es der Kontakt zu Kunst und Künstler, zu Haus und Umgebung, zu Raum und Idee, die das Besondere ausmacht. "Kunst", sagt Dini Thomsen, "ist immer auch ein bisschen Zauberei." Von irgendwoher kommt ein Gedanke, ein Ton, eine Farbe.
Das andere Bild
Die schräge Kunst, die andere, die nicht etablierte, das ist ArToll. "Bilder an der Wand werden für mich immer unwichtiger", sagt Dini Thomsen. Sie installiert, sie baut, sie malt und formt im Raum den Raum - und wer im ArToll Kunst guckt, muss sich schon ein bisschen anstrengen, muss sich zum Entdecken aufmachen. Die Mühe lohnt sich. 14 Künstler zeigen gerade mal wieder, was das ist: experimenteller Umgang mit sich selbst und mit der Kunst - und irgendwie mit uns allen.
Seit 33 Jahren lebt Dini Thomsen am Niederrhein. "Mein Mann hat mich immer unterstützt", sagt sie dankbar.
Nie war es ihr Ding, sich in den Mittelpunkt zu stellen. "Diese Auszeichnung", so Landrat Spreen gestern in der Laudatio, "ist ein großes Stück Anerkennung Ihrer Arbeit, die später, wenn es mal nötig wird, gut tun wird." Dini Thomsen nahm die Auszeichnung an, ein bisschen verhalten in der Freude, sicher im Warum: "Es ist eine Auszeichnung für unsere Künstler, für unsere Idee. Wie es weiter gehen wird, entscheiden würdige Herren, nicht wir."
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