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Auswanderung in die Türkei

Akademiker türkischer Herkunft kehren Deutschland den Rücken

16.06.2011 | 15:06 Uhr
Akademiker türkischer Herkunft kehren Deutschland den Rücken
Mutlu Sahin.

Duisburg/Wesel. Immer mehr Akademiker türkischer Herkunft kehren Deutschland den Rücken und wandern aus ins Land ihrer Mütter und Väter - zwei von ihnen sind Mutlu Sahin aus Duisburg und Rahükal Turgut aus Wesel.

Mutlu Sahin hat’s geschafft. Der 39-Jährige leitet in Istanbul die türkische Niederlassung eines österreichischen Baustoffherstellers: „Die Regierung hat gerade ein Gesetz verabschiedet, dass ab dem kommenden Jahr alle Neu- und bis 2017 alle Altbauten gedämmt sein müssen.“

Was für ein Glück. Sein Unternehmen stellt am Bosporus entsprechende Styropor-Platten her. Sieht ganz nach einem guten Geschäft für den Juristen aus, der in Duisburg-Marxloh aufgewachsen ist und zu den gut ausgebildeten Migranten gehört, die Deutschland den Rücken kehren.

In Istanbul gibt es mittlerweile sogar einen Stammtisch für diese „Deutschländer“ oder „Almancilar“ - wie die Rückwanderer auf türkisch genannt werden. Initiiert hat das Netzwerk Çigdem Akkaya. Auch sie ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und arbeitete 15 Jahre lang als stellvertretende Direktorin des Zentrums für Türkeistudien in Essen. In Istanbul leitet sie heute eine PR-Agentur.

Rückwanderung hat wirtschaftliche Gründe

„Am Anfang kamen nicht mal 20 Leute, heute verschicken wir unsere Einladungen über soziale Netzwerke wie Facebook und Xing an mehr als 1000 Interessierte“, sagt sie. Regelmäßig erscheinen rund 70 Personen zu den Treffen.

Die Gründe für die verstärkte Rückwanderung sind wirtschaftlicher Natur. Nach einer OECD-Studie (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) haben Migranten-Kinder in Deutschland auch bei gleicher Qualifikation schlechtere Berufschancen. Dagegen werden ihre Sprachkenntnisse und in Deutschland erworbenen Qualifikationen nicht nur in der Metropole am Bosporus geschätzt. Die türkische Wirtschaft wächst rasant. 2010 legte das Bruttoinlandsprodukt um 8,9 Prozent zu. Kein europäisches Land verzeichnete ein so hohes Wachstum.

„Wir sitzen auf den gepackten Koffern unserer Eltern“, beschreibt daher die Schriftstellerin Hatice Akyün („Einmal Hans mit scharfer Soße“) die Situation türkischstämmiger Migrantenkinder. Die Bestseller-Autorin mit Marxloher Wurzeln spielt darauf an, dass die Einwanderergeneration stets an eine Rückkehr gedacht habe, jetzt aber ausgerechnet die zweite Generation in die Türkei gehe: „Das ist keine Rück-, sondern eine Auswanderung.“

Statistik
Zahl der Türken in Deutschland sinkt

Seit 2005 kehren mehr Migranten aus Deutschland in die Türkei zurück, als von dort nach Deutschland zuwandern. Dafür ist allerdings in größerem Maße der starke Rückgang der Zuwandererzahlen (von über 50.000 im Jahr 2002 auf 30.000 im Jahr 2008) verantwortlich als die Zunahme der Auswandererzahlen zwischen 2006 und 2008.

Die Zahl der Türken in Deutschland sinkt seit dem Höchststand vor zwölf Jahren ständig - von damals 2,1 Millionen auf inzwischen 1,6 Millionen. Als Gründe nennen die Statistiker neben Einbürgerungen und Sterbefällen auch Rückkehrer. Darüber hinaus ist ein Trend zur Rückwanderung in die Türkei zu verzeichnen. Im Jahr 2008 zogen 28.741 Türken nach Deutschland, im gleichen Jahr jedoch 38.889 Türken aus Deutschland in die Türkei.

„Wäre ich in Duisburg geblieben, würde ich heute als gewöhnlicher Wald- und Wiesen-Anwalt arbeiten“, vermutet Sahin, der über Auslandsaufenthalte in Chicago und Shanghai vor neun Jahren nach Istanbul kam. Zunächst, um in einer international tätigen Kanzlei zu arbeiten: „Ich gehöre zu den drei Anwälten, die sowohl an deutschen als auch an türkischen Gerichten zugelassen sind“, sagt der Jurist. Bis ihn ein Kunde als Geschäftsführer der Türkei-Niederlassung an Bord holte.

In beiden Kulturen zu Hause

Dort ist er nicht der einzige „Deutschländer“. „Ich habe mittlerweile die komplette zweite Führungsebene mit Rückwanderern besetzt. Sie sind in beiden Kulturen zu Hause und verstehen sowohl die Anforderungen des Mutter-Unternehmens als auch des türkischen Markts.“

Mutlu Sahin besitzt übrigens die deutsche Staatsbürgerschaft, darf aber mit einer Blue Card in der Türkei alles außer wählen. Seine Firmen-Philosophie ist deutsch geprägt: „Wenn ich sage, dass wir die Dämmplatten um 14 Uhr liefern, dann sind die auch spätestens um 14.15 Uhr da. Das ist bei unserer türkischen Konkurrenz nicht so.“

Eine Rückkehr schließt Sahin, dessen Eltern in Duisburg-Walsum leben, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen einstweilen aus. Sehr zum Leidwesen seiner Freundin Derya, ebenfalls „Deutschländerin“ und Diplom-Pädagogin aus Bielefeld. „Sie würde eher heute als morgen die Koffer wieder packen.“

Er macht keinen Hehl daraus, dass ihm die Vorurteile in Deutschland schwer zu schaffen machen. „Als ich meinen ersten Gerichtsprozess in Düsseldorf geführt habe, hat mich der Wachtmeister mit den Worten angesprochen: Du Angeklagter oder Zeuge?“

Rahükal Turgut.

Rahükal Turgut ist in Denizli aufgewachsen und in Wesel zur Schule gegangen. Für die 36-Jährige ist Istanbul nur eine Station unter vielen. „Ein Teil meiner Familie wohnt hier. Das erleichtert vieles. Ich könnte mir aber genauso gut vorstellen, in London oder wieder in Köln zu leben. Ich liebe die rheinische Mentalität, den Karneval“, sagt die Frau, die in Paderborn englische Literatur studiert und als PR-Frau in Köln gearbeitet hat. Heute verdient sie ihren Lebensunterhalt in einem deutsch-türkischen Verlag.

Nicht so offen Kritik üben

Mit ihrer unverblümten Art stößt sie allerdings in Istanbul auch auf Unverständnis. Zum Beispiel, wenn das Gespräch auf die politische Situation im Land kommt. „Die türkischen Kollegen ermahnen mich häufig, nicht ganz so offen Kritik zu üben.“

Dagegen erscheinen andere Defizite gering: „Ich vermisse deutsche Schokolade. Und das Fernsehen“, sagt die junge Frau, deren Familie teils noch am Niederrhein lebt, und muss selbst schmunzeln: „Früher haben wir in Wesel über Satellitenschüsseln türkische Sender empfangen, heute gucke ich in Istanbul am liebsten deutsches Fernsehen. So verändern sich die Perspektiven.“

Markus Peters

Kommentare
16.06.2011
20:05
Gebildete Türken kehren Deutschland den Rücken
von Pit01 | #35

Ohje, welch niveauvolle Kommentare. Ich möchte deshalb schon kein Migrant sein.

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2011-06-16 15:06
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