Mit der Kamera ins Bergwerk

An Rhein und Ruhr..  Wenn André Thissen Glück hat, wartet er nur ein paar Minuten, manchmal aber auch ein oder zwei Stunden. Oder die ganze Nacht. Bis der Vollmond hinter der tiefhängenden Wolkendecke zu sehen ist, der Schlacke-Abguss aus dem Stahlwerk heraufzieht und die riesengroße Grubenlampe auf der Halde Rheinpreußen bedrohlich und blutrot leuchtet. „Dann gibt es immer diesen einen Moment, an dem alles perfekt ist. Wenn es so schön dramatisch wirkt. So wie hier“, sagt André Thissen und zeigt auf das Bild, das er eines nachts von dem Geleucht auf der Halde in Moers mit seiner Spiegelreflexkamera gemacht hat.

Hier zwischen Stahlwerken, Zechen und Rheinbrücken fühlen sich André Thissen und Dirk Thomas zu Hause. Jahrelang hat André Thissen im Bergwerk in Kamp-Lintfort gearbeitet, Dirk Thomas war im Stahlwerk Mittal in Duisburg tätig. Mit der Industrie fühlen sie sich verbunden. Und genau diese fotografieren die Moerser. Heute stellen sie ihre Bilder während der Extraschicht in der Zeche Rheinpreußen aus.

Geduld ist gefragt

Als Dirk Thomas vor zehn Jahren das erste Mal mit seiner Kamera in ein Stahlwerk ging, guckten die Mitarbeiter ungläubig. Dass er bei laufendem Betrieb fotografieren wollte, hätten viele nicht verstanden. Das Eisen im Gießkübel, die orangene Schlacke, die sprühenden Funken, der Qualm – all das wollte Dirk Thomas einfangen. „Lebendig und authentisch sollte es sein“, sagt der 65-Jährige. Auch hierbei müsse man Geduld aufbringen. Hat er den richtigen Augenblick verpasst, heißt das: Abwarten. Neben den Bildern, auf denen der Betrachter die Hitze quasi spürt, gibt es auch viele Detailaufnahmen: überdimensional groß aufgenommene Schrauben oder Ölbehälter.

Doch nicht in jeder Zeche ist es gleich schön zu fotografieren. Bis Mitte der fünfziger Jahre habe man noch Geld in den Bau investiert, die Kohlekrise habe jedoch immer mehr Zweckbauten zur Folge gehabt. „Manche tragen Jugendstilelemente und sehen fast schon aus wie kleine Schlösschen “, sagt Dirk Thomas. Auch das Fördermaschinengebäude der Zeche Rheinpreußen ist mit seinen Rundbögen sehenswert.

Während sich Dirk Thomas für seine Fotos am liebsten in den Betrieben aufhält, zieht es André Thissen nach draußen. Auch Landschaft und Architektur reizen ihn. So hat er neben dem Geleucht in Moers auch den Xantener Dom, die Rheinbrücken, Schloss Moyland und das Underberg-Palais in Rheinberg fotografiert. Um das perfekte Bild zu erhalten, bearbeitet er sie anschließend nach. „Ich will natürlich noch realistisch bleiben, aber ich habe auch einen künstlerischen Anspruch“, sagt er.

Mit einer kleinen Digitalkamera habe er angefangen. „Die hatten wir uns gerade für den Urlaub neu gekauft und dann habe ich auch Spaß daran gefunden, hier am Niederrhein und im Ruhrgebiet zu fotografieren“, sagt der gebürtige Moerser. Die Aufnahmen bei Nacht seien es gewesen, die ihn besonders interessiert hätten: das Schauspiel am Himmel. „Ich hab’ ja unter Tage gearbeitet. Ich kenne die Dunkelheit.“

Die traurige Seite

Ihre Foto-Leidenschaft hat aber auch eine traurige Seite. Die beiden begleiten eine aussterbende Branche. „Es ist schon bedrückend, den Rückbau so mitzubekommen“, sagt André Thissen. Statt sprühenden Funken in Stahlwerken und Menschen beim Steinkohleabbau sehen sie jetzt immer häufiger nur noch stillgelegte Gebäude. Wer heute mit der Industrie-Fotografie anfinge, bekäme längst nicht mehr so viele Motive. Ihre Bilder gewinnen dadurch aber auch an Wert, weiß Dirk Thomas: „Und wir werden auch die Reste dieser Industriezweige dokumentieren. Bevor sie endgültig verschwinden.“


Infos: Ab 18 Uhr ist heute Abend das Fördermaschinengebäude der Zeche Rheinpreußen/Schacht IV (Zechenstraße 50, 47443 Moers) geöffnet. Die Fotografen stellen dort ihre Bilder aus. Außerdem treten die „Püttrologen“ auf und es gibt eine theatrale Installation und eine Licht-und Klangperformance.