Mehr Zeit fürs Eis essen und Spazieren gehen

Solingen..  Katie wurde nur 24 Jahre alt – aber die geistig behinderte Frau starb zu Hause – in einer Wohngruppe des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). „Sie starb in der Nacht und am Morgen kam ein Seelsorger und die anderen Bewohner konnten sich von Katie verabschieden“, erinnert sich Susanne Kern, Leiterin des Palliativen Hospizes Solingen an die Ereignisse von 2008.

Dass geistig Behinderte nicht abgeschoben werden in Gerontopsychiatrien und Krankenhäuser, sondern sterben dürfen, wo sie gelebt haben, ist selten – noch. Zu groß ist die Unsicherheit, so Gerald Schueler, Direktor der Heilpädagogischen Heime des LVR zwischen Bonn und Düsseldorf. „Muss ich die Polizei rufen, wenn jemand stirbt? Mache ich mich als Betreuer in einer Wohngruppe der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, wenn ich einen Sterbenden nicht ins Krankenhaus bringe?“ Unsicherheit, nicht nur in juristischen Fragen, ist bei vielen Mitarbeitern in den Einrichtungen des LVR groß – aber groß ist auch das Interesse, daran etwas zu ändern.

Lernprozesse auf beiden Seiten

Gestern trafen sich rund 100 Menschen, etwa ein Drittel davon Mitarbeiter von Hospizen und ambulanten Angeboten der Sterbebegleitung, zwei Drittel Mitarbeiter in LVR-Einrichtungen zwischen Bonn und Solingen. Die Bereiche Niederrhein und westliches Rheinland wollen nachziehen, der zwölfstündige Lehrgang zur Sterbebegleitung soll im gesamten Rheinland angeboten werden – offen für alle Träger von Einrichtungen für Behinderte. Der Bedarf ist groß – und der Erfahrungsaustausch rege. „Wir lernen auf beiden Seiten. Und eine der wichtigsten Erfahrungen ist, dass die meisten Erzieher und Pflegenden in den Einrichtungen vieles mitbringen“, so Susanne Kern: Ohne Mitgefühl wird niemand Helfer für Behinderte.

Für die meist ehrenamtlichen Helfer der Hospizdienste ist es hingegen oft die erste Begegnung mit Behinderten – doch sie haben die Erfahrung: Das Lebensende schränkt jeden Menschen ein. Die Helfer jedoch entlasten die Erzieher und bringen Zeit für Gespräche mit – und für schöne Dinge wie Spaziergänge und Eis essen mit den Sterbenden. Und mit den Angehörigen: So begleiteten Hospizhelfer auch die Eltern von Katie und waren für sie genauso Ansprechpartner wie für die Mitbewohner und Freunde der jungen Frau. „Die wollten zum Beispiel wissen, ob sie Katie besuchen und berühren dürfen“, erinnert sich Susanne Kern. Durften sie natürlich.