Lieber Werte statt Verbote

Foto: Thomas Lohnes/ddp
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Was wir bereits wissen
Bei einer Diskussionsrunde zur katholischen Sexualmoral im Rahmen des katholischen Dialogprozesses hatte Franz-Josef Overbeck einen schweren Stand. Die kirchliche Lehre zur Sexualität sei lebensfremd und müsse sich mehr auf Werte anstatt auf Verbote konzentrieren, sagten Kritiker.

Mülheim.. Sex nur in der Ehe und vor allem, um Kinder zu zeugen. Keine Verhütung mit Pille, Kondom & Co – und Selbstbefriedigung ist auch verboten. Wer die katholische Sexualmoral verteidigen will, hat keinen leichten Stand. Das gilt auch für Franz-Josef Overbeck. Im Rahmen der Dialoginitiative „Zukunft auf katholisch“ stellte sich der Ruhrbischof am Donnerstagabend der Diskussion um diesen vielleicht größten Gegensatz zwischen kirchlicher Lehre und modernem Leben. Und doch wurde der Abend in der Mülheimer Akademie „Die Wolfsburg“ zwar kontrovers, aber deutlich weniger aufgeheizt, als es viele der Zuhörer im voll besetzten Auditorium wohl erwartet hatten.

Das lag nicht etwa an zurückhaltenden Diskussionpartnern. Die Auffassung, dass Sexualität primär der Reproduktion dient, könne man „im 21. Jahrhundert nicht mehr vertreten“, sagte die Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt. Sex sei „ein natürliches Bedürfnis wie Essen und Trinken“. Konkret müsse die Kirche ihrer Ansicht nach ihre Haltung zum Thema Verhütung „dringend revidieren“ und neu über „vor- und außerehelichen Sex nachdenken“.

Folge des Missbrauchsskandals

Related content Dass die Kirche überhaupt (wieder) über Sexualität spreche, sei eine Folge des Missbrauchsskandals, sagte der Moraltheologe Konrad Hilpert. „Da hat sich in den vergangenen zwei Jahren etwas verändert.“ In den 30 Jahren davor sei „das Gespräch mit Bischöfen über dieses Thema schwierig“ gewesen. Dennoch wäre es auch heute „ein Himmelfahrtskommando“ für einen jungen Theologen, sich mit einer Arbeit zur kirchlichen Sexualmoral qualifizieren zu wollen.

Und der Bischof? Overbeck machte in Mülheim keine Hoffnung auf schnelle Änderungen in kirchlichen Moralvorstellungen. Einem Zuhörer, der konkret fragt, ob Overbeck sich vorstellen könne, ihn und seinen Partner in 20 Jahren als Paar zu segnen, erteilt er eine klare Absage. „Ich will Sie nicht vertrösten.“ Homosexualität und die kirchliche Vorstellung, dass Liebe in die Ehe von Mann und Frau gehören, lägen zu weit auseinander.

Related content Ähnlich wie Hilpert fordert auch Overbeck ein neues Nachdenken über die kirchliche Sexualmoral. Das Problem sei, dass beim Blick auf die kirchliche Tradition die „Verbotsmoral“ derart überwiege, dass „die Schätze“ dieser Tradition“ kaum in den Blick kämen – etwa die Einbettung der Sexualität in gelingende Liebesbeziehungen. Viele Prinzipien der katholischen Sexualmoral seien „anschlussfähig“ an die Vorstellungen der Gesellschaft, so Overbeck.

Das sahen die Diskussionspartner ähnlich. Jugendliche etwa seien beim Sex „nicht gegen Moral“, so Hilpert. Werte wie Treue, Authentizität oder ein liebevoller Umgang miteinander seien für sie sehr wichtig. „Das sind doch Punkte, an denen auch die Kirche anknüpfen könnte.“ Zumal nach Ansicht von Richter-Appelt gerade heute eine Werte-Orientierung in Sachen Sex gut täte. Schließlich müsse heute jeder selbst herausfinden, was gut für ihn sei.

Die Kirche könne „sehr viel zu dieser Werte-Diskussion beitragen, wenn sie es denn vernünftig macht“, betonte denn auch der Praktiker in der Runde, der katholische Eheberater Elmar Struck. Sie solle „den Ballast der jahrhundertealten Traditionen“ beiseite schieben und in Sachen Sex vor allem „von Werten ausgehen und weniger von Normen“.

Dass das in der Praxis indes nicht so einfach ist, machte eine Religionslehrerin deutlich, die beklagte, dass es dazu nicht einmal gute Schulbücher gäbe. Kaum verwunderlich angesichts des „Himmelfahrtskommandos“, das ein solches Buch laut Hilpert für katholische Theologen darstellen könnte.