Kurze Nächte erschweren das Fasten

An Rhein und Ruhr..  Wenn Ünsal Başer in den kommenden gut vier Wochen morgens schon gegen 3.30 Uhr nachts frühstückt und sich dann meist noch mal hinlegt, liegt das nicht am Schichtplan auf seiner Arbeit beim Hüttenwerk Krupp-Mannesmann in Duisburg. Am heutigen Donnerstag beginnt der Ramadan, der Fastenmonat. Für gläubige Muslime ist mit dem gemeinsamen Fasten die besondere Hingabe an Allah und Disziplin und Gewissenhaftigkeit im Glauben verbunden. In diesem Jahr ist es eine besonders harte Probe.

„Die Zeit zu essen reduziert sich diesmal wegen der langen Tage auf vier bis fünf Stunden in der Nacht“, sagt Başer. Auch trinken darf er tagsüber nichts – so schreiben es die Fastenregeln vor. „Das wird hart“, sagt der 28-Jährige.

Noch härter freilich treffe es die Kollegen, die direkt am Hochofen arbeiten. Manche hätten wegen des Ramadans Urlaub genommen, andere hätten Einsatzschichten in arbeitsfreundlichere Fastenstunden verlegt. „Wer es körperlich nicht schafft, holt es etwa zu anderen Zeiten nach.“

Ünsal Başer ist einer von gut 1,4 Millionen Muslimen in NRW. Laut einer repräsentativen Befragung aus dem Jahr 2013 würden sich 44 Prozent der Muslime als „hochreligiös“ bezeichnen – bei den Christen waren es laut dieser Befragung nur 26 Prozent. Dennoch: Nicht jeder Muslim wird nun bis zum 16. Juli tatsächlich fasten. Gleichwohl dürften nach Einschätzung des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfTI) deutlich mehr Muslime fasten als etwa täglich dem Koran folgend rituell beten. Weil der Ramadan auch eine gesellschaftliche Bedeutung hat.

Ünsal Başer hat als Schüler erstmals gefastet. Er sieht’s als Herausforderung: „Man will zeigen, dass nicht der Körper den Kopf bestimmt, sondern umgekehrt“. Seine Premiere lag in den Weihnachtsferien, erinnert er sich. „Da war es schon am Nachmittag dunkel – und das tägliche Fastenbrechen begann angenehm früh am Nachmittag. Başer richtet sich nach einem ortsgenauen Fastenkalender, der die Uhrzeiten zwischen Fastenbeginn und Fastenbrechen minutiös vorgibt. Heute etwa müssen sich Muslime in Duisburg zwischen 3.45 Uhr und 21.59 Uhr in strikter Enthaltsamkeit üben.

„Das Problem ist eher das Trinken“, erklärt Ünsal Başer. Bis der Körper sich auf den Fasten-Rhythmus eingestellt habe, brauche es zwei bis drei Tage. Am Ende eines Fastentages stünden dann „vier Stunden Dauertrinken an“, sagt er – Wasser, „bloß nichts Süßes“. Er will versuchen, die von Ärzten empfohlene Menge von drei Litern zu trinken. Was ebenfalls nicht einfach sei, wenn man so viele Stunden gar nichts getrunken habe.

Haferflocken halten lange satt

Viel Wasserhaltiges käme beim Fastenbrechen kurz vor Mitternacht auf den Tisch: „Wassermelonen sind sehr beliebt“, sagt Başer, und Schlangengurken. Zum – nächtlichen – Frühstück isst er Haferflocken. Weil das länger satt hält.

Gebote des Fastens kennen alle Religionen. In der Antike sollten Priester vor wichtigen Entscheidungen zehn Tage fasten – weil das die Konzentration fördere. In der katholischen Kirche bedeutete Fasten über Jahrhunderte, sich nur von Wasser und Brot zu ernähren; heute ist damit eher der Verzicht auf Fleisch gemeint. Bei den Katholiken soll das Fasten der Buße dienen, für Sünden, derer man sich schuldig gemacht habe und als „Versöhnung mit dem Nächsten“.

Die Wirkung nach außen jedoch sei dabei nicht angestrebt, im Gegenteil: „Wenn du fastest, dann pflege dein Äußeres so, dass keiner etwas von deinem Verzicht merkt“ heißt es im Neuen Testament der Bibel (Matthäus 6, 16-18).