Kunst vorm Hauptbahnhof

Nach dem großen zweifelhaften Erfolg einer Beschallungsmaßnahme am Hamburger Hauptbahnhof, will jetzt auch ein Essener Bahnhofsanrainer am Bahnhofsvorplatz aufhorchen lassen. Mit klassischer Musik will der Hotelmanager vorzugsweise jene jungen Leute vergrämen, die , bevor es abends in die Disco geht, vor dem Hotel am Bahnhof etwas tun, was heutzutage als „vorglühen“ bezeichnet wird und mit einem gewissen Alkohol- und auch Lärmpegel verbunden ist.

Was genau der Hotelier da auflegen wird, steht noch nicht fest: Ob eher Bach, Beethoven oder Zwölftöner die beste Abmarschmusik abgeben oder ausgerechnet Mozart, der zu Lebzeiten (1756-1791) auch nicht ins Glas gespuckt haben soll?

Wir dürfen gespannt sein, ob klassische Musik tatsächlich so abschreckend wirkt wie erhofft. Und darauf, was passiert, wenn nichts passiert: Greift dann der Hotelier mit Wagner an? Oder mit Helene Fischer? Noch nicht hinlänglich ausgetestet ist auch die völkervertreibende Wirkung von Dürer, Picasso und dem Deutschen Informel. Könnte in der Rezitation von Goethegedichten im öffentlichen Raum nicht auch ein enormes Abschreckungspotenzial schlummern?

Und wenn das alles nichts helfen und die Bahnhofsgemeinde vom Vorglühen abhalten sollte, vielleicht tanzt ja der Hotelier persönlich den sterbenden Schwan vorm Hotel?