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Kräftiger Schub für die Selbsthilfe

26.01.2016 | 21:07 Uhr
Kräftiger Schub für die Selbsthilfe
Selbsthilfegruppen, hier eine für an Parkinson Erkrankte, leisten ganz wichtige ArbeitFoto: Ralph Bodemer

An Rhein und Ruhr.   Die Krankenkassen stocken ihre Förderung um mehr als 60% auf. Für Gruppen, Verbände und Kontaktstellen eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten

Das dürfte der gesundheitlichen Selbsthilfe einen kräftigen Schub geben: Die gesetzlichen Krankenkassen stocken ihre finanzielle Unterstützung ab diesem Jahr um mehr als 60% auf. In Nordrhein-Westfalen stehen damit nach Berechnungen des Wohlfahrtsverbandes Der Paritätische rund 12,4 Mio Euro bereit (bisher: knapp acht Mio). „Das wird zu deutlichen Verbesserungen führen“, sagt Andreas Greiwe, Fachmann beim Paritätischen.

Andreas Greiwe, Fachgruppenleiter Selbsthilfe/-Kontaktstelle im Paritätischen NRW Foto: Paritaet-NRW

12 000 bis 15 000 Selbsthilfegruppen gibt es laut Schätzungen in NRW, etwa 80% von ihnen sind im Gesundheitsbereich aktiv (z. B. bei Krankheiten, Behinderungen oder psychischen Problemen). Das neue Präventionsgesetz hat die Weichen dafür gestellt, dass mehr Geld fließt. Statt bisher 64 Cent stellen die Kassen jetzt 1,05 Euro pro gesetzlichem Versicherten zur Verfügung. Hintergrund? Laut Greiwe ist mittlerweile allgemein anerkannt, dass Selbsthilfe das Gesundheitssystem entlastet: „Studien belegen, dass Teilnehmer von Selbsthilfegruppen insgesamt weniger Arznei nehmen und weniger Tage in Kliniken verbringen.“

Ein modernes Bild der Selbsthilfe entwickeln

Das Geld kommt in NRW sowohl den Gruppen vor Ort, als auch Landesverbänden und den 37 Selbsthilfekontaktstellen zugute (plus 14 Selbsthilfebüros). Die Kassen entscheiden teils gemeinsam darüber, teils individuell und lassen sich von Selbsthilfevertretern beraten. Die Antragsphase läuft. Kontaktstellen haben noch bis Monatsende Zeit, Gruppen länger (bis März).

Keine systematische Förderung der sozialen Selbsthilfe
Keine Systematische Förderung für soziale Selbsthilfe

Rund 20% der Selbsthilfegruppen in NRW agieren im sozialen Bereich. Sie bringen z. B. jeweils Alleinerziehende, Migranten, Geschiedene oder Arbeitslose zusammen. „Für soziale Selbsthilfe gibt es keine systematische Förderung“, klagt Andreas Greiwe vom Wohlfahrtsverband Der Partitätische NRW. Viele dieser Selbsthilfegruppen drehen jeden Cent dreimal um.

Die meisten Kommunen haben keine oder nur geringe Fördermittel für Soziale Selbsthilfe (Ausnahme: Köln fördert Gruppen gezielt mit je bis zu 2500 Euro, und in Münster gibt eine städtische Stiftung Mittel). Auf NRW-Ebene profitieren einzelne Landesverbände von Fördertöpfen diverser Ministerien.

Wie Andreas Greiwe im Gespräch mit der NRZ erklärte, wird das zusätzliche Geld helfen, sich drängenden Herausforderungen zu stellen – zum Beispiel der Überalterung vieler Gruppen. „Wir müssen ein neues Bild der Selbsthilfe entwickeln, für viele Leute klingt das immer noch sehr nach Stuhlkreis“, meinte Greiwe. Beispielhaft für moderne Selbsthilfearbeit nennt er Projekte in den sozialen Medien im Internet oder einen Poetry-Slam. Dringend gebraucht werde das Geld auch, um Selbsthilfe in manchen ländlichen Räumen sicherzustellen. Ein weiterer Effekt: In Kontaktstellen werde sich die Beratung durch zusätzliches Personal verbessern. Und, auch ganz wichtig: „In den Gruppen vor Ort wird es möglich sein, zusätzliche Referenten einzuladen oder sich vielleicht auch mal eine Videokamera anzuschaffen, um damit zu arbeiten.“

Die Unterstützung wird insgesamt großzügiger – und unbürokratischer. Gruppen können fortan bis zu 1000 Euro Pauschalförderung beantragen (bisher 300, darüber mit Verwendungsnachweis). Große Landesverbände können bis zu 50 000 Euro bekommen. Und Kontaktstellen erhalten 20 000 Euro Zuschuss pro Fachkraft (bisher 6600) und 10 000 pro Verwaltungskraft (bisher 3300). Zudem steigt auch die an der Einwohnerzahl des Zuständigkeitsgebietes orientierte Fördersumme der Kontaktstellen.

Andreas Greiwe ist seit sehr vielen Jahren in der Selbsthilfe aktiv. Einen solchen Finanzschub hat er noch nicht erlebt, er würdigt aber ausdrücklich das schon seit Langem wachsende Engegament der Kassen: „Sie sind unser wichtigster Partner geworden.“ Eine Sorge gibt es freilich. Bei den Krankenkassen wird befürchtet, dass klamme Kommunen das zusätzliche Geld zum Anlass nehmen, um sich aus der Finanzierung der Kontaktstellen zurückzuziehen. Die Kassen haben deshalb zur Auflage gemacht, dass das Extra-Geld nur fließt, wenn zusätzliches Personal eingestellt, die Arbeit also ausgeweitet wird. „Sie haben zudem sehr deutlich gemacht, dass sie auf etwaige Rückzüge von Kommunen reagieren und die Förderung im nächsten Jahr wieder umstellen werden“, berichtet Greiwe.

Holger Dumke

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Kräftiger Schub für die Selbsthilfe
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2016-01-26 21:07
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