Knickern, schabbeln, Buden bauen

Essen..  Für unsere Serie „Oma & Opa, erzählt doch mal!“ erinnert sich Detlef Albrecht aus Essen:


„Ende der 1940er Jahre wurden die Trümmer der zerstörten Wohngebäude nach und nach abgeräumt. Der Wiederaufbau begann. Auf den Straßenbahngleisen in der Essener Kruppstraße standen lange Reihen von mit Schutt beladenen Kipploren, die auf den Abtransport warteten. Wenn die Arbeiter Feierabend hatten, kletterten wir Kinder auf die Loren und durchsuchten den Schutt nach brauchbarem Spielzeug. Manchmal fanden wir beschädigte Püppchen, Holzklötze oder verknickte Sammelbilder. Für uns waren das kleine Schätze.

Indianer- und Cowboyspiele

Nach dem Wiederaufbau der Wohnhäuser entstand im Innenbereich unserer Krupp-Kleinwohnungsbausiedlung ein kleiner Park mit Buschwerk, einem Spielplatz und zwei Sandkästen. Für die Sandkästen waren wir bald zu groß, deshalb suchten wir uns andere Beschäftigungen: Wir gruben Erdhöhlen und bauten mit Wellblechen und Holzbrettern Buden für unsere Indianer- und Cowboyspiele.

Gleich bei dem kleinen Spielplatz wohnte ein garstiger alter Kinderschreck, der unseren Lärm wohl nicht ertragen konnte und immer versuchte, uns vom Spielplatz zu vertreiben. Wir waren aber schneller als der alte Griesgram. Mit unseren „Räucherpöttchen“ konnten wir ihn besonders ärgern. In alte Konservendosen schlugen wir Löcher in die Böden und in die Seiten, befestigten eine Schnur an den Seiten, stopften die Dosen mit trockenem Laub voll, steckten es an und drehten und schwenkten die Dosen, sodass dicker Qualm herauskam. Die Räucherpöttchen stanken fürchterlich.

Im Park fanden auch unsere Kinderschützenfeste mit Umzügen, Königspaar und Krepppapier umwickelten Bögen statt, die von zwei Helfern links und rechts des Königspaares feierlich daher getragen wurden. Die anderen Kinder folgten kostümiert dem Königspaar. Zu Karneval gingen die Kinder der Siedlung kostümiert in den Park. Einmal kam ein Fotograf mit einem Kollegen im Eisbärenkostüm in den Park und machte Fotos von uns Kindern.

Turnen an Teppichstangen

Im Innenbereich der Siedlung konnten wir Kinder zwar von drei Seiten beobachtet werden, aber das störte uns nicht weiter. Wir kletterten und turnten an den Teppichstangen, die für jeweils drei Mehrfamilienhäuser aufgestellt waren, oder wir „knickerten“ mit kleinen farbig lackierten Tonkügelchen. Mit dem Schuhabsatz drehten wir dazu ein Loch in den Aschenplatz und aus vorher genau festgelegter Entfernung warfen und rollten wir die Kugeln in das Loch.

„Knickern“ war eine Mischung aus Mini-Boccia und Lochbillard. Wer zuerst alle Kugeln im „Pott“ hatte, war Sieger und bekam sämtliche Knicker aller Mitspieler. Am liebsten spielten wir mit Glaskugeln, die sahen hübscher aus und rollten besser als die Tonknicker. Aber sie waren deutlich teurer, man durfte sie deshalb gegen die billigeren Tonknicker austauschen, wenn man verloren hatte.

Wir spielten Spiele, die einfach und nicht teuer waren. Es gab ja buchstäblich nichts. Wir hinkelten auf Plattenwegen, spielten Völkerball und erfanden manches neue Spiel. Fantasie war gefragt, wir hatten keine Langeweile. Mangels anderer Spielsachen sammelten wir auch die Deckelseiten von Zigarettenschachteln. Damals gab es Marken wie Emir, Overstolz und Eckstein. Mit den Pappen spielten wir „Schabbeln“. Dabei wurden die Deckel zwischen Zeige- und Mittelfinger gelegt und dann flach gegen eine Hauswand geworfen. Wer mit seiner Karte am nächsten an der Wand landete, hatte gewonnen und bekam alle Deckel.“