Karnevalssitzungen leiden an Zuschauerschwund

Die  Alte Oberhausener Karnevalsgesellschaft feiert bald in der Luise-Albertz-Halle in Oberhausen.
Die Alte Oberhausener Karnevalsgesellschaft feiert bald in der Luise-Albertz-Halle in Oberhausen.
Foto: Fabian Strauch
Was wir bereits wissen
Die Gagen für die Stars sind zu teuer und das Publikum ist verwöhnt. Doch die Narren steuern mit Lokalkolorit und eigenen Programmen gegen.

An Rhein und Ruhr.. Hans-Georg Leinweber hat lange überlegt und dann doch zugeschlagen: Einen Knaller am Anfang, einen am Ende. Die müsse man schon haben, sonst könne man ja gleich einpacken. Also hat er das „Heddemer Dreigestirn“ und die Gruppe „de Boore“ eingekauft. „Die kommen schon an die Höhner oder die Brings heran“, erzählt der Vorsitzende der Alten Oberhausener Karnevalsgesellschaft Weiß-Rot. In zwei Wochen, wenn er auf der Bühne der Luise-Albertz-Halle in Oberhausen steht und auf das närrische Publikum schaut, dann wird er wissen, ob er richtig lag mit seiner Auswahl und ob es sich gelohnt hat – auch finanziell. „Manche träumen ja noch von drei Sitzungen in einer Session, aber das geht schon lange nicht mehr. Wir sind ja nicht Köln!“

Die Besucherzahlen bei den Karnevalssitzungen sind nicht nur in Oberhausen, sondern in vielen Ruhrgebietsstädten und am Niederrhein rückläufig. Das bestätigen die Gesellschaften und die Karnevalsverbände.

Hans-Georg Leinweber will nicht träumen, er bleibt realistisch. Runde Tische. Die werden es im Zweifel einfach richten müssen. 40 davon werden sie wohl stellen, um 400 Gästen einen Platz anzubieten. Sie wirken wuchtiger, füllen den Raum schneller als die langen. „Wir wissen doch alle: Ein halb leerer Saal. Da ist doch Mist“, sagt er. Anfangs des Jahrtausends da war die Halle noch mit 1000 Jecken gefüllt. Die runden Tische werden das Problem weniger offensichtlich machen, die Ursache aber nicht beheben.

Dieter Seedorfer, Präsident des Karnevalsverbandes rechter Niederhein, macht den Anspruch der Besucher für den Rückgang verantwortlich: „Früher hat man Karneval nur im Ort gefeiert. Dann kam das Fernsehen dazu und die großen Stars. Die Leute sind einfach verwöhnt und die Erwartungen gestiegen.“

Heute Abend, 19.11 Uhr, Duisburg-Mitte: In der Pausenhalle einer Gesamtschule wird Präsident Willi Garohn die Prunksitzung seiner Karnevalsgesellschaft sonniger Süden Blau-Rot eröffnen. Die Narrenzunft Homberg, der Elferrat und die Ruhrpott-Guggis treten auf. 16 Euro kostet die Sitzung den Besucher. Derweil in Düsseldorf oder Köln: Hier werden Karnevalssitzungen mit Künstlern wie den Höhnern oder Guido Cantz aufgezeichnet. Und in ein paar Tagen sind diese auf fast allen Fernsehsendern zu sehen. Für umsonst. „Solche großen Namen können wir uns aber doch gar nicht leisten“, sagt Willi Garohn.

Die Finanzen — sie sind das zweite große Problem. Neben der Künstlergage kommen noch Ausgaben für die Miete, die Gema-Gebühren für die Musikrechte und in einigen Fällen auch für Sicherheitspersonal und Kellner hinzu. Seit der Loveparade werde der Sicherheit besondere Beachtung geschenkt. Um Sonderauflagen zu umgehen, haben sich die Duisburger entschieden, zum zweiten mal in Folge mit weniger als 200 Besuchern in einer Pausenhalle zu feiern. „Wir sind dann quasi gezwungen im kleineren Rahmen zu feiern, mit unsere Mitgliedern schaffen wir das sonst nicht.“

Rauchverbot als Problem

Was sie nicht umgehen können, das ist das Rauchverbot im Saal. „Manche kommen nicht mehr. Sie wollen nicht immer raus gehen, weil sie dann einen Teil des Programms verpassen“, sagt Garohn.

Karneval Einige Kilometer weiter in Düsseldorf: Hier ist der Karneval noch tiefer verwurzelt und die Gesellschaften leisten sich bekanntere Künstler. „Das liegt vor allem an unserem literarischen Komitee. Das koordiniert die prominenten Künstler so, dass sie an einem Abend mehrere Veranstaltungen hintereinander besuchen. Dann wird es für alle günstiger“, sagt Hans-Peter Suchand vom Komitee Düsseldorfer Karneval.

Weniger Geld, weniger Prominenz- können Vereine wie in Duisburg und Oberhausen deshalb etwa einpacken? „Nein, gerade Lokalkolorit kann richtig gut laufen, wenn es gut gemacht ist. Dafür muss man sich aber von dem großen Saal verabschieden und eigene Kräfte haben, die das Programm machen können“, sagt Dieter Seedorfer. Er rät: weg vom „Lackschuh-Karneval“.

Das wünscht sich auch Hans-Georg Leinweber in Oberhausen. Zum ersten Mal heißt die Sitzung hier nicht mehr Galanacht, sondern Narrenball. „Wir müssen mit der Zeit gehen. Schritt für Schritt“, sagt er. Vielleicht braucht es dann irgendwann nicht mehr „de Boore“ als Stimmungsmacher. Vielleicht kommt der Knaller dann aus den eigenen Reihen.