„Je suis Charlie“ – Alle sind jetzt Charlie

Paris..  Lydia zittert. Wegen der Kälte und weil sie völlig aufgewühlt ist. Die schmale Frau marokkanischer Abstammung, die zu den gut 15 000 Franzosen zählt, welche sich spontan auf der Pariser Place de la Bastille versammelt haben, hält eine brennende Kerze in der einen und ein großes Blatt Papier in der anderen Hand. „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) steht in krakeliger Schrift auf dem Blatt, in Arabisch und in Französisch. „Ich fühle mich persönlich angegriffen! Als Französin und als Muslima“, presst sie hervor.

Je suis Charlie. Überall sind diese drei Worte zu lesen. Sie sind die von Erschütterung, Trauer und Trotz getragene Antwort auf den fürchterlichen Schock, den der blutige Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charly Hebdo“ mitten in Paris ausgelöst hat.

Frankreich sei ins Herz getroffen worden, erklärte mit versteinerter Miene wenige Stunden nach dem Blutbad der französische Regierungschef Manuel Valls. Aber so groß das Entsetzen über dieses Massaker ist, zu dessen Opfer vier der bekanntesten Karikaturisten des Landes zählen, so beeindruckend und bewegend die Reaktion der Franzosen. „Wir haben den Propheten gerächt, wir haben Charlie Hebdo getötet“ riefen die Attentäter, bevor sie flüchteten. „Nein, habt ihr nicht“, entgegnen ihnen unsere Nachbarn, denen Charlie Hebdo seit Jahrzehnten als ein Symbol der freien Meinungsäußerung gilt.

Die Freiheit wird stärker sein

Als Helden, die für die Freiheit gestorben seien, würdigte Präsident François Hollande die vier ermordeten Karikaturisten. In einer Fernsehansprache rief er zur Geschlossenheit auf: „Unsere beste Waffe ist unsere Einheit, die Freiheit wird immer stärker sein als die Barbarei.“

Um Punkt 12 Uhr läuteten gestern die Kirchenglocken in ganz Frankreich eine Schweigeminute ein, die den Opfern des Terrorattentats gewidmet ist. Ein Moment der Stille an einem Tag, an dem sich die Ereignisse jagen. In einem Restaurant unweit der Moschee von Villefranche-sur-Saône geht ein Sprengsatz hoch und im südfranzösischen Port-la-Nou, Journalisten demonstrieren während der Schweigeminute in Paris ihre Solidarität mit den ermordeten Kollegen. In Velle wird die Fassade eines muslimischen Gebetsraums beschossen. Die Anschläge befeuern die Ängste der großen islamischen Gemeinde Frankreichs, trotz der beinharten Verurteilung des Anschlags auf Charlie Hebdo durch ihre höchsten Repräsentanten zur Zielscheibe von Racheakten zu werden.