In Duisburg wird der Rollator zum Sportgerät

Ein Rollator ist für Senioren nicht nur ein Hilfsmittel. Er kann auch ein Stück Freiheit zurück geben.
Ein Rollator ist für Senioren nicht nur ein Hilfsmittel. Er kann auch ein Stück Freiheit zurück geben.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Dabei beim Workshop „Fit mit dem Rollator“. Homberger Turnverein in Duisburg bietet sogar „Rollatoren-Walking“ an.

Duisburg.. Der Wind pfeift um die imposante St. Johannes Kirche in Duisburg-Homberg, doch die zwölf alten Damen auf dem Kirchplatz stemmen sich unbeirrt mit ihren Rollatoren den Böen entgegen. Sie tragen beige und schwarz und nicken ergeben, als Polizeiobermeister Jörg Woytena (53) mit orangener Warnweste mahnt, wie wichtig es sei, im Straßenverkehr gut erkannt zu werden. Woytena wird die Rollatorinnen später über Ampelstraßen führen, derweil Übungsleiterin Gitta Gatz samt Kolleginnen vom Homberger Turnverein den übrigen Part des Workshops „Fit mit dem Rollator“ übernimmt. Es wird Sitzgymnastik und einen Hindernissparcours geben und zum Schluss werden sich auch die Skeptikerinnen gefreut haben, dabei gewesen zu sein.

Kaum ein anderes Hilfsmittel hat eine ganze Generation älterer Menschen mehr beeinflusst als das Stahlgestell mit den vier kompakten Gummirollen. Aus dem Alltag hochbetagter Menschen ist er nicht mehr wegzudenken. Grete Rosfeld (79) und Karin de Vries (72) brauchen den Rollator seit elf, beziehungsweise vier Jahren, die eine wegen ihres Rückenleidens, die andere, weil das Gerät nach einer Bauchoperation den Rumpf beim Gehen entlastet. Was wäre ohne? Frau Rosfeld schüttelt energisch den Kopf – unvorstellbar.

Rollator gibt ein Stück Freiheit zurück

Mit ihm gehen die beiden Bewohnerinnen des Malteser-Stifts St. Johannes regelmäßig die 20 Minuten nach Homberg-City einkaufen – und zurück.

„So ein Rollator ist mehr als ein Hilfsmittel. Er gibt unseren Bewohnern ein Stück Freiheit zurück“, sagt auch Peter Kamp, der die Einrichtung leitet. Wer von den rund 70 Bewohnern nicht im Rollstuhl sitzt, der hat einen Rollator. Gerade nach Operationen ermögliche das Gerät, sich wieder selbstständig bewegen zu können. Und manchmal ist der Rollator auch noch der geistige Beistand der gegen die Angst hilft, zu stürzen. Warum hier nur Frauen sind? „Ach“, sagt Kamp, „die sind in dem Alter einfach noch offener für Neues“.

Fitness Beim hiesigen Rollatoren-Workshop checken Fachleute des örtlichen Sanitätshauses die Gefährte auf Wackelräder, stellen die richtige Höhe ein. „Das alles ist wichtig“, sagt Grete Rosfeld, auch wenn ihr Rollator sie in den ganzen elf Jahren nie im Stich gelassen hat.

Unfallrisiken bei Rollatoren

Aber – das Gerät hat auch seine Tücken. Ein Rollator kann schließlich nicht über Bordsteine fliegen, und gerade die einfachen Kassengestelle sind mittlere Schwergewichte. „Die meisten Stürze geschehen, weil die Leute nicht wissen, wie man das Teil handhabt“, sagt Verkehrsunfallpräventions-Fachmann Jörg Woytena.

Noch gebe es keine offizielle Statistik, was Unfälle mit dem Rollator anbelangt: „Die Leute stürzen zum Beispiel im Bus, stehen wieder auf, gehen nach Hause und dann merken sie, dass ihnen was weh tut. Eigentlich ist das ein Verkehrsunfall, aber das taucht ja nirgendwo auf“, sagt er.

Hauptprobleme der Rollatorenbenutzer kennt er dagegen zur Genüge: Busse, die beim Ein- und Aussteigen nicht abgesenkt werden, Rollatoren, die mit Großeinkäufen überladen werden und bei der ersten Gelegenheit umkippen. Die meisten Senioren aber klagen über Ampeln, deren Grünphase viel zu kurz ist: „Mit einem Rollator ist man im Schnitt 2,5 bis 3 Stundenkilometer schnell, also viel langsamer als ein Fußgänger!“ Und er rät seinen aufmerksamen Zuhörerinnen: „Gehen sie auf jeden Fall weiter. Nicht stehenbleiben, nicht zurückgehen. Da ist noch ein Puffer an Zeit drin, dass sie gut auf die andere Seite kommen!“

Bordsteinhohe Balken

An diesem Tag jedenfalls machen die Workshop-Teilnehmerinnen beim Wechsel von einem Übungsplatz zum nächsten ordentlich Meter. Im Garten des Wohnstifts zeigt Übungsleiterin Helga Schwittei, wie man mit dem Rollator über einen bordsteinhohen Balken klettert: „Bremse feststellen, Fuß an den Reifen stellen, Gewicht auf die Griffe, Gerät kippen...“ – und Gitta Gatz präsentiert den Seniorinnen den Rollator zum Turnen, an dem man sich festhält, auf einem Bein steht und den Fuß kreisen lässt oder sich hinsetzt und die Schultern und Arme streckt: „Es gilt ja, die Beweglichkeit der Gelenke und der Muskulatur zu erhalten!“ Und plötzlich ist allen warm geworden.

Gitta Gatz hat das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Stadtsportbund ins Leben gerufen. An diesem Tag hat sie für einen sechswöchigen Folge-Kurs – das „Rollatoren-Walking“ – vier neue Teilnehmerinnen gewonnen: „Warum soll man den Rollator nur zum Einkaufen benutzen? Er kann doch genauso gut ein Sportgerät sein!“