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Hebammen protestieren weiter gegen zu hohe Haftpflicht

Hebammen protestieren weiter gegen zu hohe Haftpflicht

Unterschriftenlisten sollen den Hebammen bei ihrem Protest helfen., Die Hebammen (v.l.) Sabine Stockhorst-Bodenstein, Christine Niersmann und Eva-Maria von Eerde.
Unterschriftenlisten sollen den Hebammen bei ihrem Protest helfen., Die Hebammen (v.l.) Sabine Stockhorst-Bodenstein, Christine Niersmann und Eva-Maria von Eerde. Foto: Foto: Jakob Studnar
Hebammen sind begehrt, gehören aber nicht gerade zu den Großverdienerinnen. Ihre Einnahmen halten den Unkosten nicht stand – zum Beispiel einer rasant ansteigenden Haftpflichtversicherung. Da ziehen sich immer mehr Hebammen aus der Geburtshilfe zurück. Drei Beispiele vom Niederrhein.

Moers. 

Die Nachfrage ist gewaltig. Hebammen wie Sabine Stockhorst-Bodenstein (40), Eva-Maria von Eerde oder Christine Niersmann führen Wartelisten, müssen werdende Mütter abweisen, die sie nicht mehr annehmen können. Das müsste eigentlich den Beruf aufwerten, den Verdienst in die Höhe treiben. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Immer mehr Hebammen geben auf, weil ihre Unkosten rasant steigen, die Einnahmen aber nicht Schritt halten, Christine Niersmann kennt Kolleginnen, „die sitzen zusätzlich im Supermarkt an der Kasse, um über die Runden zu kommen.“ Und ab dem 1. Juli kommt der nächste Preishammer auf die Hebammen zu – ihre Haftpflichtversicherungen werden erneut um 20 Prozent steigen. Eine freiberufliche Hebamme, die auch Geburten betreut, müsste über 5000 Euro im Jahr allein an Versicherungsprämie aufbringen.

Eltern solidarisieren sich mit Hebammen

Unterschriftenlisten liegen in diesen Tagen auf dem Horstmannshof aus, Eltern, die während der Schwangerschaft von einer der in dem Moerser Gesundheitszentrum arbeitenden Hebammen begleitet wurden, geben sich solidarisch. „Ohne Hebammen geht es nicht“, steht auf Protestplakaten.

Wird es aber wohl müssen, sollte der Trend der letzten Jahre anhalten. Eva-Maria von Eerde (35), die den Horstmannshof betreibt, sucht händeringend freie Kolleginnen, die dort einsteigen. Ohne Erfolg. Ähnlich sieht es in Sachen festangestellte Hebammen in den umliegenden Krankenhäusern aus.

Zwischen 2008 und 2010 haben laut einer vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie 25 Prozent der Hebammen, die in Geburtshäusern, bei Hausgeburten, aber auch als so genannte Beleghebammen in Kliniken die Babys auf die Welt holen, die Geburtshilfe aufgegeben, obwohl gerade das ihre ur-eigenste Aufgabe ist. Der Trend geht weiter abwärts.

Christine Niersmann (52) zog sich als freie Hebamme vor zehn Jahren aus der Geburtshilfe zurück, weil sie schon damals die Versicherungsprämie von 1400 Euro kaum aufbringen konnte. Heute betreut sie Schwangere und Wöchnerinnen, gibt Seminare für junge Kolleginnen. Eva-Maria von Eerde und Sabine Stockhorst-Bodenstein schieben als festangestellte Teilzeit-Klinik-Hebammen für ein paar hundert Euro mehrere Tag- und Nachschichten im Monat, arbeiten dazwischen morgens, mittags oder abends als Freiberuflerinnen. Vorteil: Für ihre Geburtshilfe sind sie vom Krankenhaus versichert. Nachteil: das reicht nicht aus. Um Deckungslücken oder Streitfällen vorzusorgen, müssen auch sie sich mittlerweile für mehrere hundert Euro im Jahr zusätzlich versichern.

7,50 Durchschnittslohn

Der Deutsche Hebammenverband hat einen Durchschnittsnettostundenlohn zwischen 7,50 und 8,50 Euro für freie Hebammen errechnet. Drei-, viermal im Monat kommt die dreifache Mutter Sabine Stockhorst-Bodenstein nach einer zehnstündigen Schicht in der Klinik morgens nach Hause, um vier Stunden später wieder aufzustehen – „zum Beispiel wenn eine Mutter Probleme mit ihrem Baby hat.“ Doch ebenso wie Eva-Maria von Eerde liebt sie ihren Beruf, der für sie „eine Berufung“ ist. „Ich weiß, dass Babys auch an Heiligabend oder am 1. Januar geboren werden. Ich weiß, dass ich meine Freunde alleine losziehen lassen muss, weil ich Rufbereitschaft habe“, sagt von Eerde. Aber – „dabei muss ein bisschen was herumkommen!“ Spitz gerechnet, sagt Niersmann, „arbeiten wir zwei Tage pro Woche für die Rente, zwei Tage für die Versicherung, einen Tag für Auto und Praxisräume und am Wochenende für uns…“

Bei den Versicherern der Hebammen geht es um mehr Geld. Gerichte sprechen bei Geburtsschäden oder Behandlungsfehlern immer höhere Schadenssummen zu. Dank medizinischer Fortschritte können schwer behinderte Kinder wesentlich länger leben, werden intensiver betreut. Alles das kostet.

Sechs Millionen Euro

Vor 20 Jahren betrug die Deckungssumme einer Hebammen-Haftpflichtversicherung eine Million, heute sind es sechs Millionen Euro. Zudem gilt bei Personenschäden eine Verjährungsfrist von 30 Jahren: „Theoretisch könnten mich die Eltern von Kindern, die ich vor 25 Jahren auf die Welt gebracht habe, heute noch verklagen“, sagt Christine Niersmann. Dabei hat sich die Zahl der geburtshilflichen Schadensfälle nicht erhöht, sie liegt konstant bei etwa hundert im Jahr.

Zumindest in Bezug auf das leidige Haftpflichtthema deutet sich von politischer Seite eine Teillösungen an, durch Zuschüsse von Krankenkassen für die rund 3000 noch in der Geburtshilfe tätigen Hebammen. Die Unterbezahlung der gesamten Berufsgruppe löst das nicht. Christine Niersmann: „Ohne uns bricht das System ein. Nicht nur in den Kreißsälen. Man stelle sich nur vor, jede Wöchnerin mit Stillproblemen würde zum Arzt rennen, weil keine Hebamme mehr da ist. Die Praxen würden aus allen Nähten platzen.“

Übrigens: In den Niederlanden übernimmt ein Fond die Haftpflichtrisiken der Hebammen. Sie zahlen selbst etwa 100 Euro Prämie.
Eine freiberufliche
Hebamme in Deutschland bekommt 276 Euro für die Betreuung einer Geburt im Krankenhaus, 707 Euro für eine Hausgeburt. Nur zwei Prozent der Babys werden zuhause geboren.
Pro Wöchnerinnen-Hausbesuch bekommen Hebammen 31 Euro, egal wie lange er dauert.
Eine natürliche Geburt im Krankenhaus mit angestellten Hebammen kostet 1700 Euro.
Immer noch gilt: Ein Arzt darf nicht ohne Hebamme eine Geburt leiten, eine Hebamme aber sehr wohl ohne Arzt.