Hartz-IV-Empfänger und Hausbesitzer kratzt am Existenzminimum

Stefan Schultz aus Bärenstein bei Werdohl kratzt am Existenzminimum: Er hat Ärger mit dem Jobcenter.
Stefan Schultz aus Bärenstein bei Werdohl kratzt am Existenzminimum: Er hat Ärger mit dem Jobcenter.
Foto: WR
Was wir bereits wissen
Für den Werdohler Stefan Schultz fühlt es sich so an, als würde er durch ein Netz fallen. Das soziale Netz. Sein Hartz-IV-Satz: 374 Euro. Zuschlag für Heizung und Unterkunft: 49,64 Euro. Seine Stromrechnung: 433 Euro. Macht: minus 9,36 Euro zum Leben. Gibt es nicht? Doch. Stefan Schulz ist Sozialhilfeempfänger und Hauseigentümer. Eine Zwickmühle. Wenn man kein Geld hat, eine kaputte Heizung zu reparieren.

Werdohl.. Der Energieversorger drohte dem 43-Jährigen bereits an, Ende des Monats den Strom abzudrehen. Vorläufiger Tiefpunkt einer Geschichte mit vielen Schrecken. Denn was Stefan Schultz seit Anfang des Jahres widerfährt, hat mit landläufigen Vorstellungen von einer durchschnittlichen bürgerlichen Existenz nicht sehr viel zu tun.

Der mittellose gelernte Schlosser und Schweißer bewohnt seit Februar ein marodes Haus in Bärenstein. Mietnomaden haben ein Schlachtfeld hinterlassen, offenbar das Dach mutwillig zerstört. Der Vandalismus geschah, als Stefan Schultz nach einer Insolvenz zeitweise sein Haus nicht betreten durfte.

Vergangenen Herbst forderte ihn das Jobcenter dann auf, so sagt er, das Haus wieder zu beziehen. Seit sechs Jahren ist Schultz wegen Weichteilrheuma krank geschrieben, nicht arbeitsfähig. Die Luft im Erdgeschoss, wo er nun auf 45 Quadratmetern lebt, ist immer noch muffig. Den Schimmel, die Pilze an Decke und Wänden hat er aber beseitigen können. „Clorix!“, sagt er – ein Wundermittel. Andere Wunder dauern länger.

Im Winter ohne Heizung fast erfroren

Prekär wurde die Situation für Stefan Schultz Anfang Februar: Nach nur drei Tagen in der neuen, alten Wohnung produzierte die Heizbrenneranlage mehr Rauch als Wärme. Der Schornsteinfeger legte den defekten Allesbrenner still – zu gefährlich. Im Winter. Es war mächtig kalt. „Ich wäre fast erfroren“, erzählt Stefan Schultz. Eine neue Heizung musste her. Unbezahlbar. Und einen Vermieter, an den er sich hätte wenden können, hat Schultz nicht.

Aber es gibt das Jobcenter, das ihn betreut. Schultz schlug Alarm. Die Reaktion sei ablehnend gewesen. Also besorgte sich der patente Mann drei Warmwasserboiler aus dem Baumarkt, schloss zwei an und hatte wieder eine warme Wohnung. Und eine hohe Stromrechnung. Obwohl er in dem Haus nur seine 45 Quadratmeter beheizte. Als der Energieversorger im März den Strom ablesen ließ, hatte er seit Jahresanfang schon rund 2900 kw/h allein für die Heizung verbraucht – mehr als im vollen Jahr normal ist.

Jobcenter setzt 24,16 Euro für Heizkosten an

Den monatlichen Abschlag setzte der Stromversorger auf 433 Euro hoch. Dem Jobcenter habe er, so Stefan Schultz, im Juni eine detaillierte Abrechnung, aufgeschlüsselt nach Strom für Heizung und beheizter Fläche geschickt. Am 11. Juli erhielt er einen Bescheid: Der Satz für Heizkosten wurde mit 24,16 Euro angesetzt. Für Stefan Schulz ein Schlag ins Gesicht. Das Haus verkaufen? Er lacht auf. „Geschenkt noch zu teuer.“ Selbst damals in der Zwangsversteigerung hätte der Bau von 1886, in dem einst der „Bärensteiner Treff“ an seine Gäste ausschenkte, nichts eingebracht.

Das Jobcenter hält sich bedeckt: „Ein sehr, sehr komplexer Einzelfall“, heißt es dort. Generell sei es bei Hauseigentümern so, dass bei Instandhaltung von defekten Heizungen Notwendigkeiten, Angemessenheiten und Rentabilitäten eine Rolle spielten. Ein Zuschuss sei möglich, auch ein Darlehen. Warum bisher nichts geschah? So schnell nicht zu klären. Noch viel genereller gelte: „Wir sprechen über öffentliche Gelder, Kosten müssen so gering wie möglich ausfallen.“

Mutter verleiht 300 Euro von ihrer Rente

Drei Tage nach dem Gespräch mit der WR erhält Stefan Schultz schriftlich die Aufforderung, seine Heizkosten plausibel zu machen. „Das habe ich schon zweimal getan“, sagt er. Daraufhin besuchen ihn dann zwei Mitarbeiter des Jobcenters. Sie finden Altmetall in der Garage. Das solle er doch zu Geld machen. Und: Ob er sich denn vorstellen könne, in eine kleine Mietwohnung zu ziehen. Stefan Schultz schüttelt den Kopf. Jetzt eine solche Frage? Für die Sanierung habe er doch Schulden aufgehäuft. 300 Euro borge ihm seine Mutter von ihrer Rente. Die steckt er immer noch in die Wohnung: Er hängt die 3,50 Meter hohen Decken ab, um die Kosten zu drosseln. „Ich habe null Euro zum Leben“, sagt er.