Groß im Erzählen, Streiten und Genießen

Er hat mehr als eine Geschichte erfunden, die man für das Leben halten konnte. Und er hat sie so wortmächtig, satt und farbig erzählt, dass er zum Jahrhundertautor wurde: Günter Grass, der 1999 daraus „Mein Jahrhundert“ machte, hatte sich das genauso angeeignet wie er seine Antwort auf jede politische Frage hatte. Zuletzt vor drei Jahren als er „mit letzter Tinte“ sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ schrieb, eine unlyrische Polemik gegen die Atommacht Israel – und ein Aufbäumen.

Denn als politische Institution hatte Grass 2006 schweren Schaden genommen, weil er ein entscheidendes Kapitel seiner Lebensgeschichte 60 Jahre versteckt hielt: Er war in den letzten Kriegsmonaten in der Waffen-SS. Weniger das Faktum beschädigte den viel gehassten, aber anerkannten politischen Streiter als die Tatsache, dass er, der Wortgewandte, darüber Jahrzehnte lang geschwiegen hatte.

In Düsseldorf lernte er dieBildhauerei und das Rauchen

Günter Grass, der gestern in einem Lübecker Krankenhaus einer Infektion erlag, war zeitlebens ein Vollblut- und Rundum-Künstler. Wer sah, mit welchem Schwung der 72-jährige Grass 1999 übers Parkett fegte, nachdem er den Nobelpreis entgegengenommen hatte, erkannte, dass die schiere Vitalität dieses Vaters von sechs Kindern Teil seiner Kunst war, genau wie das Kochen. Wenn er nicht auf seine Olivetti-Schreibmaschine einhämmerte (für die er kistenweise Schreibbänder hortete), zeichnete oder gravierte der Grafiker Grass. Oder der Bildhauer seiner Düsseldorfer Jahre, der bei Otto Pankok in die Lehre gegangen war, erwachte. Vor sechs Jahren noch war er Gast in Hünxe, lobte Niederrhein und Kirschkuchen, rauchte Pfeife und las vor, wie er bei Otto Pankok an der Düsseldorfer Kunstakademie das Steinmetzen und das Rauchen gelernt hatte.

Er wollte schon immer Künstler werden, mit 13 hatte er einen Roman unter dem Titel „Die Kaschuben“ begonnen. Die Romane und Erzählungen, die vom Kolorit seiner Danziger Heimat geprägt waren, wo er im Oktober 1927 als Sohn einer Kolonialwarenhändler-Familie zur Welt kam, blieben das Beste, was Grass geschrieben hatte. „Katz und Maus“ (1961) ist bis heute Schullektüre, ähnlich die „Hundejahre“ (1963). Vor allem aber die „Blechtrommel“, jener Geniestreich, mit dem er 1959 auf einen Schlag weltweit bekannt wurde.

Die Geschichte von Oskar Matzerath, der mit drei Jahren sein Wachstum einstellt und sich in Danzig und anderswo durch Krieg und Nazi-Herrschaft hindurch mogelt, war es am Ende auch, die ihm 1999 den letzten Literaturnobelpreis des 20. Jahrhunderts einbrachte.

Grass war im Ausland noch mehr eine Instanz als in der alten Bundesrepublik. Wie kaum ein anderer verstand er es, die Aura der Unfehlbarkeit als Dienstkleidung anzulegen, in deren Taschen die Wahrheit steckte. In diesem Gewand hat sich Grass sechs Jahrzehnte lang um die Demokratie im Lande verdient gemacht, streitbar, manchmal verletzend. Es ist der Beweis dafür, dass einer seine Lehren gezogen hat aus den Fehlern der Vergangenheit.

Wer weiß, ob das Engagement des Demokraten Grass so vehement ausgefallen wäre, hätte es das Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht gegeben. Immer wieder nahm er an Wahlkampf-Veranstaltungen teil, bis hin zum Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder. Doch das Engagement für Willy Brandt, dessen Ostpolitik er unterstützte, sollte sein erfolgreichstes bleiben.

Ein Opfer dieser Rolle war mitunter der Literat Grass, abzulesen an Werken wie dem Weltuntergangsszenario „Die Rättin“ (1986), in dem mehr Sendungsbewusstsein steckt als einem Roman gut tut. Gravierender noch war dies im Falle seines literarischen Kommentars zur Nachwende-Zeit „Ein weites Feld“ (1995), bei dem Grass offenbar meinte, als erster literarischer Diener seines Landes sei er verpflichtet, den lang ersehnten Roman der Einheit zu schreiben.

Noch einmal schwang sich Grass 2002 zu alter Stärke auf, als er in der Novelle „Im Krebsgang“ den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ in den letzten Tagen des Weltkriegs schilderte, als historisches Ereignis, das von seinen Wurzeln im Nationalsozialismus nicht loszulösen ist.

Der Steinmetz Grass trieb einenRiss in sein eigenes Denkmal

Seine wahre Größe aber könnte jenseits aller Kunst und Politik darin liegen, dass er sich vor fast einem Jahrzehnt selbst vom Sockel heruntergeholt und nicht gewartet hat, bis einer seiner Biografen auf die ganze Wahrheit stoßen würde.

Dabei wird es für ihn im Laufe der Jahrzehnte immer schwieriger geworden sein, die ganze Wahrheit auszusprechen, zumal die Symbolkraft der SS-Buchstaben überstrahlt hätte, was Grass an jugendlicher Verblendung durch den Nationalsozialismus bis dahin eingeräumt hatte. Gerade der Riss, den Grass in sein eigenes Denkmal getrieben hat, könnte bedeuten, dass er zu einer Figur für die Ewigkeit geworden ist.

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