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„Globalisierung erhält ein Gesicht“

11.01.2016 | 20:35 Uhr
„Globalisierung erhält ein Gesicht“
Redete der deutschen Flüchtlingspolitik ins Gewissen: Präses Manfred Rekowski (hier beim Gottesdienst).Foto: dpa

An Rhein und Ruhr.   Im Umgang mit Flüchtlingen erinnert der rheinische Präses Manfred Rekowaki an deutsche Verantwortung. Zu lange habe man hier die Augen verschlossen

„Flüchtlingskrise“ – mit dem Begriff kann Manfred Rekowski nichts anfangen. Der rheinische Präses rückt lieber die betroffenen Menschen in den Blick: „Für sie ist Flucht eine Katastrophe.“ Katastrophen gehören schnellstmöglich beendet. Das ist aber nicht in Sicht. Auf der Landessynode in Bad Neuenahr bei Bonn machte der Kirchenmann deshalb jetzt ungewohnt deutlich seiner Empörung Luft. Seine Botschaft: Verantwortung ist gefragt, Engagement gefordert und Teilen angesagt (von Sicherheit und Wohlstand).

Vor den „unhaltbaren Zuständen an den EU-Außengrenzen“ habe man in Deutschland viel zu lange die Augen verschlossen, klagte Rekowski vor den 211 Delegierten in der Kurstadt. Europäische Solidarität sei hier erst dann ein Thema geworden, als Flüchtlinge in großer Zahl die Landesgrenze überschritten: „Lampedusa und Lesbos waren bis dahin eine andere, eine ferne Welt“, meinte der Präses mit Blick auf die italienischen und griechischen Inseln, wo schon seit geraumer Zeit überfüllte Flüchtlingsboote anlanden.

Die EU – nur ein Förderverein zur Bankenrettung?

Mit den Flüchtlingen bekommt die Globalisierung laut Rekowski ein Gesicht. Türe zu – geht nicht: „Nächstenliebe und Gottesebenbildlichkeit sind nicht begrenzbar“, betonte der Präses. Für die CSU, die den Flüchtlingszugang in Deutschland auf 200 000 Personen im Jahr deckeln will, gab es klare Worte: „An einem Wochenende eine Obergrenze für populistische Parolen – das würde mir gut tun“, sagte Rekowski unter Applaus.

Verringern lasse sich der Flüchtlingszuzug nur durch eine Bekämpfung der Fluchtursachen (Krieg, Armut, Rechtsunsicherheit). Klare Worte für die EU: „Ob Europa mehr ist als ein überdimensionierter Förderverein von Banken, muss sich jetzt erst zeigen.“ Rekowski vermisst das gemeinsame Einstehen für Europas Werte.

Sichwort: Landessynode
Landessynode – parlament der Landeskirche

Die Landessynode ist das oberste Organ der 2,65 Millionen Protestanten im Rheinland und kommt stets Beginn im Kurort Bad Neuenahr in Rheinland-Pfalz zusammen.

Die Delegierten beraten theologische Fragen, wählen für Ämter, beschließen (z. B. über Finanzen) oder entscheiden über Kirchenrechtsänderungen – wie sie z. B. jetzt bei Ehe und Homo-Paaren im Raum stehen.

Die Rheinische Kirche ist die zweitgrößte Landeskirche in Deutschland. Sie erstreckt sich vom Niederrhein bis hinunter ins Saarland. Ihr gehören 719 Kirchenkreise aus NRW, Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland an.

Die Hilfe für Flüchtlinge und die Erfahrung mit ihnen ist ein großes Thema der noch bis Freitag währenden Landessynode. Nicht umsonst heißt das Motto „Weite wirkt“. Dabei geht es aber nicht nur um die Begegnung mit Menschen aus der Fremde, sondern auch um ein globales Verständnis an sich und um eine Überprüfung des eigenen Lebenswandels. So warnte der Präsident des Wuppertaler Klima-Instituts, Uwe Schneidewind, gestern vor einem weiteren Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich. Und Jens Sannig, Vorsitzender des Ausschusses für öffentliche Verantwortung der rheinischen Kirche, forderte eine Abkehr vom unkontrollierten Konsum: „Nicht nur die Natur, auch die Menschen sind erschöpft.“

Vor den Delegierten liegt in den nächsten Tagen eine ganze Reihe von Entscheidungen. So müssen sie zum Beispiel darüber befinden, ob Homo-Paare kirchenrechtlich der Ehe gleichgestellt werden. Bei der Kirchenleitung soll es einen Paradigmenwechsel geben – mehr Freiheit für Handelnde statt lähmende Regelungen bis ins Detail. Der wirtschaftliche Ausgleich zwischen den Kirchen-Kreisen soll verbessert werden. Mitunter gibt es schon in den Kirchenkreisen selbst ein großes Gefälle. Die Umstrukturierung der finanziell angeschlagenen Landeskirche kommt laut Präses Rekowski spürbar voran.

Holger Dumke

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2016-01-11 20:35
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