Gefährliches Halbwissen - die zehn größten Erste-Hilfe-Irrtümer

Meist ist der letzte Erste-Hilfe-Kurs vielleicht schon Jahre her und das Gelernte von damals längst vergessen.
Meist ist der letzte Erste-Hilfe-Kurs vielleicht schon Jahre her und das Gelernte von damals längst vergessen.
Foto: Monika Kirsch / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Manche Mythen rund um das Thema Erste Hilfe halten sich hartnäckig und verunsichern Helfer. Viele wollen bei einem Unfall gerne helfen - bloß wie? Ärzte des Universitätsklinikums Essen räumen auf mit den häufigsten Irrtümern bei Rettungsmaßnahmen.

Essen.. Eis und Butter helfen prima bei Verbrennungen, Vergiftungen werden mit Salzwasser behandelt, und verunglückten Motorradfahrern sollte man auf gar keinen Fall den Helm ausziehen. Drei Erste Hilfe-Ratschläge - allesamt falsch! Viele richten sogar mehr Schaden an, als dass sie helfen. Mit dem Expertenwissen der Ärzte an der Klinik für Unfallchirurgie des Universitätsklinikums Essen lassen sich Halbwahrheiten leicht aus dem Weg räumen.

Irrtum 1: Beim Motorradunfall den Helm auf keinen Fall abnehmen

Falsch. Das Risiko für den Verletzten, im Helm an Erbrochenem zu ersticken, ist weitaus größer als die Wahrscheinlichkeit einer Lähmung, die durch das Abnehmen des Helmes verursacht werden könnte. Beim Abnehmen des Helmes sollte die Halswirbelsäule gestützt werden, damit der Kopf nicht zur Seite fällt. Gerade, wenn noch ein weiterer Helfer an der Unglücksstelle ist, kann man ruhig zu zweit vorsichtig den Helm entfernen, indem einer den Kopf dabei stützt.

Irrtum 2: Den Verletzten sollte man immer gleich hinlegen

Mitnichten. Ist der Verunglückte ansprechbar, sollten alle Maßnahmen mit ihm besprochen werden. Bei einem Herzinfarkt oder einem Lungenödem kann flaches Liegen als unangenehm empfunden werden und sogar den Zustand des Patienten verschlechtern. Klagt der Verletzte über ein Druckgefühl im Brustbereich, sollte sofort der Notarzt gerufen werden.

Irrtum 3: Bei Vergiftungen löst man am besten ein Erbrechen mit Salzwasser aus

Irrtum. Gerade ätzende Substanzen würden beim Erbrechen ein zweites Mal die Speiseröhre angreifen, während bei anderen Substanzen die Gefahr besteht, dass durch das Übergeben Teilchen in die Atemwege gelangen und zum Ersticken führen. Salzwasser kann zudem bei Kleinkindern tödlich sein. Auch Milch ist gefährlich, denn ihr Fett beschleunigt die Aufnahme in den Körper. Um das Gift zu verdünnen, darf man zwei Gläser stillen Wassers, Saft oder Tee trinken. Bei ätzenden Substanzen wie Abflussreiniger sollte das möglichst schnell geschehen.

Nächster Irrtum: Bei einer Verbrennung helfen Butter oder andere Fette

Irrtum 4: Ich bin als erster am Unfallort und habe keine Ahnung von erster Hilfe. Ich mache am besten nichts und warte auf den alarmierten Rettungsdienst.

Ein klares Nein! Auch, wenn der letzte Erste-Hilfe-Kurs vielleicht schon Jahre ist und das Gelernte von damals längst vergessen ist, muss der Verletzte versorgt werden. Viele Menschen reagieren in dieser Situation verunsichert, sollten aber ihre Ängste überwinden und immer versuchen zu helfen. Die unterlassene Hilfe kann zudem später als fahrlässige Tötung ausgelegt werden.

Irrtum 5: Eine stark blutende Wunde sollte man sofort abbinden

Stimmt nur zum Teil. Bis zum momentanen Stand der Forschung in der Notfallmedizin wird die Anlage eines Kompressionsverbandes empfohlen. Dabei wird eine nicht ausgerollte Mullbinde auf die Wunde gedrückt und mit einem Druckverband fixiert. So wird in der Regel das abgebundene Bein oder der Arm weiter durchblutet.

Irrtum 6: Eis oder Butter helfen bei Verbrennungen

Unsinn. Damit der Schmerz schnell nachlässt, kühlt man die Wunde am besten mit Wasser – und zwar mit lauwarmem Wasser, also in Zimmertemperatur. Schwere Verbrennungen sollte man nur mit dem sterilen Tuch aus dem Verbandskasten abdecken und gleich zum Arzt fahren. Wer Butter, Öl oder gar Mehl auf eine Brandwunde gibt, riskiert nicht nur eine Infektion, sondern ein Verkleben der Wunde. Fette können zudem die Hitze in der Wunde festhalten.

Und noch ein Irrtum: Den Verletzten bloß nicht vom Unfallort wegtragen

Irrtum 7: Bei einem Schwächeanfall sollte man den Verunglückten hinsetzen und ihm Wasser einflößen

Fehleinschätzung. Es ist eine klassische Situation, die einem täglich ereilen kann: Ein Jogger bricht plötzlich im Park zusammen – was tun? Eigentlich ganz einfach: Ist der Betroffene bewusstlos und nicht ansprechbar, atmet jedoch, hat er keinen Herz-Kreislauf-Stillstand. Der Ersthelfer sollte ihn sofort in die stabile Seitenlage bringen. Dabei wird das Opfer auf die Seite gedreht, der Kopf etwas überstreckt und der Mund leicht geöffnet, damit Erbrochenes abfließen kann. Je nach Witterung kann man den Betroffenen mit einer Decke oder Wärmefolie zudecken.

Irrtum 8: Patienten mit Herzstillstand sollte man in die stabile Seitenlage bringen

Hierbei handelt es um einen Fehler mit fatalen Folgen. Der Verunglückte kann auf diese Weise weder beatmet werden, noch kann der Ersthelfer ihn wiederbeleben. Der Ersthelfer sollte bei einem Verunglückten mit einem mit Herz-Kreislauf-Stillstand gleich mit der Herz-Lungen-Massage beginnen.

Irrtum 9: Die Mund-zu-Mund-Beatmung rettet Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand das Leben

Keineswegs. Die Mund-zu-Mund-Beatmung ist nicht die entscheidende Maßnahme bei Patienten mit Herz-Kreislaufstillstand. Lebensrettend ist die ist die Herzdruckmassage. Zur Erinnerung: 30mal drücken und danach zweimal beatmen.

Die Herzdruckmassage ist im Prinzip ganz einfach: In der Mitte des Brustkorbes, also auf dem unteren Drittel des Brustbeines, wird der Handballen aufgesetzt. Die andere Hand wird genauso darauf gelegt. Dann verschränkt man die Finger und drückt nun 30mal so fest, als würde man kräftig einen Tennisball drücken – und zwar mit einem Tempo von rund hundertmal pro Minute.

Irrtum 10: Den Verletzten sollte man nicht vom Unfallort wegtragen

Leider nein. Alle verletzten Personen sollten möglichst schnell entsprechend ihrer Verletzungsschwere aus dem Gefahrenbereich entfernt werden. Das Risiko, als Ersthelfer im Straßenverkehr verletzt zu werden, ist groß. Selbstschutz hat oberste Priorität. Eine weitere wichtige Maßnahme ist die weiträumige Absicherung des Unfallortes.