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Gefährlicher Medikamenten-Mix

21.01.2015 | 00:10 Uhr

Düsseldorf. Diclophenac vom Orthopäden gegen das schmerzende Knie, Omeprazol gegen das Sodbrennen, weil’s der Nachbar empfohlen hat, dann noch eine „gesunde“ Aspirin gegen den Druck im Kopf. Nach Angaben von Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) nehmen 1,5 Millionen Menschen in NRW täglich fünf oder mehr Medikamente parallel ein, und das nicht immer, weil sie es auch unbedingt müssen. Die Folge: Fünf Prozent aller Krankenhausfälle in NRW werden auf Nebenwirkungen von Medikamenten-Cocktails zurückgeführt – das sind 215 000 Patienten im Jahr. Für 4300 Patienten endete dies tödlich.

Gemeinsam mit Kassenärzten und Krankenkassen in NRW setzt Steffens auf mehr Arzneimittel-Therapiesicherheit vor allem für Senioren. Notwendig sei ein abgestimmtes Arzneimittelmanagement, bei dem Haus-, Fachärzte und Apotheken über verabreichte Medikamente informiert seien. Die über 65-Jährigen stellen 22 Prozent der Bevölkerung, schlucken aber 57 Prozent der Medikamente. „Einzelne Präparate werden häufig von verschiedenen Ärzten verordnet oder frei hinzugekauft und sind nicht miteinander abgestimmt“, warnte Steffens vor gefährlichen Folgen durch Medikamenten-Cocktails.

Nasenspray undHustenmittel

Gerade bei der Selbstmedikation laufe einiges schief. „Dabei passieren riesige Fehler. Viele Ursachen werden nicht erkannt“, sagt Werner Heuking, stellvertretender Vorsitzender des Apothekerverbandes. Wen zum Beispiel ein Husten quäle, der hole sich dafür ein Medikament, lasse sich aber nicht weiter untersuchen. Dass der Husten auch eine Reaktion auf ein Mittel gegen Bluthochdruck sein könne, werde so nicht entdeckt. Zudem holten sich die Kunden auch nicht verschreibungspflichtige Medikamente wie Schmerzmittel: „Die können in die Abhängigkeit führen und organische Schäden verursachen. Oder Nasenspray – das gehört zu den Medikamenten, mit denen am meisten Missbrauch betrieben wird!“

Als „Stamm-Apotheker“ sollte man daher einen Blick auf den Medikamentenmix seiner Kunden haben: „Wir müssen aufmerksam werden und sind als Berater gefragt“, sagt Heuking, der selbst eine Apotheke in Dinslaken führt. Absprachen zwischen Patienten, Apothekern und Ärzten seien notwendig. Denn auch die Ärzte bekämen von dieser Selbstmedikation zum Teil nichts mit. Das könnte dazu führen, dass sich Medikamente eventuell nicht vertragen.

Die Ärztekammer Nordrhein weist Patienten daher darauf hin, bei den Arztbesuchen immer jede Krankheit und jedes Medikament zu erwähnen – egal, wie uninteressant es zunächst zu sein scheint. „Es ist wichtig, alle Informationen zu bekommen. Aber natürlich ist so ein Besuch gerade auch für ältere Menschen immer eine Stresssituation. Da kann man dann schon mal etwas vergessen“, sagt Prof. Dr. med. Susanne Schwalen, geschäftsführende Ärztin bei der Ärztekammer Nordrhein.

Werner Heuking vom Apothekerverband sieht auch einen Fehler im System: „In den Krankenhäusern werden die Ärzte für ihre Fachrichtungen ausgebildet. Ein Patient kommt dann zum Beispiel zu einem Orthopäden, bekommt ein Mittel verschrieben und nimmt gleichzeitig noch Medikamente gegen sein Herzleiden.“ Nicht immer bekomme der Orthopäde dann mit, wie die Medikamente aufeinander reagieren.

Bessere Vernetzung

Susanne Schwalen von der Ärztekammer weist daraufhin, dass die Ärzte sehr wohl Informationen zu Wechselwirkungen erhalten. Ihr ist es vor allem wichtig, dass eine bessere Vernetzung der Ärzte untereinander stattfindet. Erhaltene Medikamente müssten für alle Ärzte transparent gemacht werden.

In Düren haben die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe ein Modellprojekt begonnen. Verschreibt der Hausarzt ein Mittel für den kratzigen Hals, wird diese Info mithilfe eines QR-Codes gespeichert. Ein Papier mit dem Code wird ausgedruckt und dem Patienten ausgehändigt. Beim Herzspezialisten legt er das Papier samt Code vor, es wird eingelesen und ergänzt. „So hat jeder Arzt die Informationen, und die Patienten bleiben Herr über ihre Daten.“

Gesundheitsministerin Steffens legte gestern Wert darauf, dass Kliniken und Pflegeheime in die Vermeidung gefährlicher Medikamenten-Cocktails einbezogen werden müssten. Auch könne jeder Patient bei seinem Arzt einen Medikationsplan anfordern, in den alle Wirkstoffe eingetragen werden. Steffens sprach sich für eine flächendeckende Einführung von Medikationsplänen aus. Die Kassenärzte bedauerten, dass die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte bisher am Datenschutz scheitert. Steffens drängte in einem ersten Schritt auf eine „zielgruppenorientierte Gesundheitskarte“ für interessierte Senioren, für die eine elektronische Erfassung eine große Hilfe sei.

Wilfried Goebels

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Gefährlicher Medikamenten-Mix
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