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Gebete im Netz – Fremde spenden Trost auf amen.de

30.01.2016 | 18:23 Uhr
Gebete im Netz – Fremde spenden Trost auf amen.de
Ob öffentlich oder anonym - für jede Sorge finden sich auf "amen.de" Beter, die aufmunternde Worte finden.Foto: Archiv/imago

Witten/Essen.  Mehr als eine Million Gebete wurden schon über das Wittener Portal "amen.de" verschickt. Hier wird der Glaube ins digitale Zeitalter übersetzt.

"Wir sind seit 20 Jahren verheiratet. Jetzt habe ich herausgefunden, dass mein Mann mich betrügt." "Ich habe Angst, zur Arbeit zu gehen. Meine Kollegen mobben mich seit Monaten." Solche Nachrichten erreichen das Team von amen.de täglich tausendfach. Auf dem Wittener Online-Portal können Ratsuchende ihr Anliegen anonym in ein Browser-Fenster tippen, beauftragte "Beter" nehmen sich ihrer Sorgen an, sprechen Mut zu. Zur Jahreswende hat "amen.de" die magische Grenze überschritten: eine Million Gebete wurden über drei Jahre hinweg eingereicht .

Geschäftsführer Rolf Krüger und sein Team sichten die Anliegen und verschicken sie gezielt an registrierte Nutzer - die Beter. Die Geschichte von amen.de liest sich ein wenig wie Kirche 2.0: "Fürbitten sind ja eine uralte Tradition der Christen, die wir mit unserer Plattform ins digitale Zeitalter bringen wollten", sagt Krüger.

Vergewaltigtes Mädchen an Beratungsstelle vermittelt

Und das kommt an: Pro Tag werden etwa 120 Anliegen an die anonyme Community gerichtet, um ein Anliegen kümmern sich bis zu 20 Beter. "Täglich kommen wir so auf gut 2500 Gebete", erzählt Krüger. Seit Dezember ist sogar die mobile Version erhältlich: Die kostenlose App "amen.de" zeigt dann per Push-Benachrichtigung an, wann und was für das eigene Anliegen gebetet wurde.

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Solange es um kleinere Wehwehchen wie einen verstauchten Knöchel oder die Aufregung vor der Abschlussprüfung geht, können tröstendende und aufmunternde Worte schon weiterhelfen. Es gibt aber auch Situationen, in denen akut Hilfe angeboten werden muss. "Wir hatten mal ein junges Mädchen, das davon erzählt hat, wie sie von mehrere Familienmitgliedern geschlagen und vergewaltigt wurde," sagt Krüger. Die Seelsorgerin im Team wurde sofort eingeschaltet und hat Kontakt zu dem Mädchen aufgenommen. "Wir konnten ihr dann eine Beratungsstelle vor Ort vermitteln."

Vielleicht zeigen auch solche Vorfälle aus der Vergangenheit, dass gerade die Generation U18 besondere Zuwendung bei ihren Sorgen braucht. Das Portal "amen.de" hat reagiert und praybox.net ins Leben gerufen, extra für Jugendliche. "Wir sind erstaunt über den Zuspruch, etwa 600 Gebete laufen hier pro Tag ein", meint Kröger. Auf Wunsch anonym bleiben, aber ein persönliches Feedback bekommen, mobil und nahezu immer erreichbar: So wird die christliche Tradition dem digitalen Zeitgeist angepasst.

Gott ist auch digital abrufbar

Und wo bleibt die Kirche bei der ganzen Sache? Erschafft man damit nicht auch eine Konkurrenzsituation? "Gott geht ungewöhnliche Wege - und die können auch digital sein", meint Ulrich Lota vom Bistum Essen. Auch die Diözese nutzt das Prinzip der Online-Fürbitten : Sowohl anonym als auch öffentlich können Menschen ihre Sorgen mitteilen. Jeden Monat betet eine andere Ordensgemeinschaft aus der Region für deren Anliegen. Eine persönliche Rückmeldung wie bei "amen.de" bekommen Ratsuchende nicht, die Nummer für die Telefonseelsorge ist aber immer gut sichtbar auf der Seite.      

"Es ist sehr wertvoll zu erfahren, dass jemand für mich da ist, dass ich mit meinen Problemen nicht allein bin", meint Ulrich Lota. Egal ob Familie, Freunde oder - so abwegig es vielleicht klingen mag - die Anonymität im Netz: Das Gemeinschaftsgefühl kann in schwierigen Zeiten Kraft geben - egal ob beim ersten Liebeskummer oder einer erschütternden Diagnose.

Britta Prasse

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2016-01-30 18:23
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