„Früher war mehr Sport“

Ruhrgebiet..  Jeden Sonntag schlägt jemand zu in der Kreisliga – ist der Eindruck derzeit. Wir sprachen über die Gewalt auf Asche mit drei Schiedsrichtern aus Gelsenkirchen und Essen: Alfred Schwede, einem der Ältesten; Leonie Kohaus, einer der Jüngsten; und Helmut Dohse, der von hinten niedergeschlagen wurde und für mehrere Wochen arbeitsunfähig war.

Leonie, jeden Sonntag schlechte Neuigkeiten, und dann fangen Sie als Schiedsrichterin an?

Kohaus: Meine Eltern sind nicht davon ausgegangen, dass ich das durchziehe. Ich mach mir aber keine Sorgen, ich weiß ja, dass es Einzelfälle sind. Ich spiele auch selbst in einer gemischten Mannschaft, da kriegt man vom Gegner schon Sprüche: „Mannweib“, „Schlampe“, „Geh in die Küche“ . . .

Schwede: Die Disziplin war früher anders. Da durfte man die Klappe nicht aufreißen. Früher war mehr Sport. Heute haben Sie Geschrei, Schauspielerei und Schwalben schon in den Jugendligen. Was die Kinder in der Sportschau gesehen haben, übertragen sie auf das eigene Spiel. Dann kommt einer und sagt: Der hat meine Mutter beleidigt. Dann sage ich: Die spielt doch gar nicht mit!

Herr Dohse, Sie waren bewusstlos, und jetzt pfeifen sie wieder?

Dohse: Ich hake das ab. Was soll ich darüber nachdenken? Neunzehn Spiele habe ich schon wieder gepfiffen. Ich geh da immer hin und frag’ mich: Wissen die? Und die wissen. Ich erfahre jetzt viel Respekt. Als ich im Krankenhaus lag, kamen so viele Besucher, Briefe, E-Mails, SMS teils von Leuten, die ich gar nicht kenne. Das ist toll, das ist das Positive, das ich für mich mitnehme.

Schwede: Ausschreitungen gab es früher auch. Ich hatte auch mal einen Spielabbruch. Das ist über vierzig Jahre her. Aber ich wurde bis heute nie körperlich angegriffen, und ich habe auch nie einen Sonderbericht geschrieben. Man sollte als Schiedsrichter alles sehen, aber nicht alles hören.

Wo kommt diese Stimmung her?

Dohse: Das stimmt, wenn schon in der Sportschau respektlos über Schiedsrichter gesprochen wird, dann merken wir das am nächsten Tag auf dem Platz. Ich glaube außerdem, dass unsere Gesellschaft heute so reguliert ist, dass man nichts mehr zulässt. Aber Fußball ist noch ein Raum, wo man Emotionen rauslassen kann.

Kohaus: Meine Erfahrung ist, das kommt eher von außen. Ein Spiel wurde aggressiver, weil der Trainer aggressiver wurde. Und dann rufen viele Eltern von außen rein. Ich fände es peinlich, wenn meine Eltern von außen reinriefen.

Stehen Sie heute vielleicht mit einem anderen Gefühl auf dem Platz als noch vor ein paar Jahren?

Schwede: Nein. Aber das ist wie Autofahren, fünfzig Jahre kann es gut gehen – und dann. Aber man freut sich auf das Wochenende, und man ist traurig, wenn eine Ansetzung ausfällt.

Dohse: Nein. Ich kenne ja unheimlich viele Leute. Wenn man vor dem Spiel auf die zugeht und fragt, wie geht’s, und zuhause, dann bringt das was. Aber früher war man jünger und hat die Gefahren vielleicht nicht so gesehen. Ich habe aber auch in zwanzig Jahren nie etwas gehabt.

Kohaus: Vor dem ersten Spiel war ich richtig nervös und hatte Angst vor einem spielentscheidenden Fehler. Aber das ging schnell weg. Gleichaltrige und ältere Jungen gucken erst mal: Oh! Viele denken, Frauen könnten das nicht.

Fällt jemandem etwas ein, damit diese Vorfälle wieder abnehmen?

Dohse: Ich glaube, über Ordner kann man Probleme lösen. Drei wären nicht schlecht. In gelben Warnwesten, die hat der DFB jetzt verschickt. Das gibt ein großes Gefühl von Sicherheit. (Anmerkung der Redaktion: Im Fußballkreis Bochum etwa sind Ordner vorgeschrieben, in Essen nicht).

Kohaus: Mein Vater ist auch immer auf dem Platz (lacht).

Das heißt, wer Ihnen zu nahe tritt, bekommt es mit Ihrem Vater zu tun.

Schwede: Man kann auch selbst etwas tun. Man muss sich in die Spieler versetzen können und als 23. Mann dabei sein. Man muss zu den Leuten gehören. Wenn die Kapitäne sich vor dem Spiel ein faires Spiel wünschen, dann sage ich zu ihnen: Das liegt ganz an euch!