Flieg nicht so hoch, mein kleiner Wurm

Bocholt/Duisburg.. Tja, was singen wir da? „Live is life“ vielleicht. Lala-Lalalah... Julia Deiters jedenfalls arbeitet an ihrem Opus – der Doktorarbeit. Und es geht um Ohrwürmer. Damit meint sie jedoch nicht Lieder, die sich in den Gehörgang bohren und dort dauerhaft bleiben, sondern kleine Insekten mit bemerkenswert großen Flügeln: Ohrwürmer kennen die meisten als Ohrenkneifer. Und fliegen tun diese äußerst selten.

Was Julia Deiters schade findet, denn sie hat ihre Ohrwürmer in den letzten Jahren sehr gründlich kennengelernt und singt ihnen beinahe ein Liebeslied: Sehr soziale Insekten seien die kleinen Tierchen, geradezu menschlich. Die Männchen wollten immer begatten, die Weibchen scheinen daran weniger interessiert, sagt sie. Die müssen halt die Hausarbeit machen, die frisch gelegten Eier umdrehen, damit die Kleinen nicht verschimmeln.

Hat sie beobachtet, quasi als Nebeneffekt. Genauso wie den Fakt, dass sie gern gemeinsam in Mauerspalten kuscheln. Außer vielleicht, dass es allein zu langweilig ist. Denn Staaten bilden diese Insekten nicht. Höchstens Fluggemeinschaften. Wenn auch keiner genau weiß, warum. Beim Fliegen nämlich setzt das Interesse von Julia Deiters an. Denn dass Ohrwürmer Flügel haben, weiß kaum einer. Sie zeigen sie nicht gern. Und das ist schade, weil sie ganz besondere Flügel haben.

Aber der Reihe nach: Anfangs fand Julia Deiters Insekten ganz normal eklig und interessierte sich wie alle anständigen Mädchen für Hund, Katze, Pferd und fand Biologie ansonsten ein ganz tolles Schulfach. Zum Studieren ging die junge Frau aus Siegburg zunächst nach Bonn und dann ins Westmünsterland, an die Fachhochschule nach Bocholt, wo es um Bionik geht.

Bei der Natur abguckenund nachbauen

Bionik heißt kurz gefasst: Bei der Natur abgucken, wie die es macht und sich davon inspirieren lassen, im Zweifel etwas nachbauen. „Und als ich dann zum ersten Mal einen Ohrwurm-Flügel gesehen habe, war es Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Denn der Ohrwurm macht sich groß: Er kann seinen Flügel dreifach falten und am Ende ist er etwa 20mal so groß wie die Ursprungsfläche.

Hingebungsvoll kniete sich die 29-Jährige nicht nur in ihr Studium, sondern auch in einen nahe gelegenen Misthaufen und sammelte dort ihre Ohrwürmer ein. Einen knappen Zentimeter Rumpflänge haben sie und gegenüber Hund, Katze, Pferd auch den entscheidenden Vorteil, dass sie sich schnell vermehren, einfach zu halten sind und die Tierschutzvorschriften nicht so streng sind wie bei Säugetieren.

Sie musste einige Tierchen sezieren, um zu verstehen, wie die Ohrenkneifer es schaffen, ihre Flügel erst quer, dann längs und dann noch fächerförmig zu falten. Das ist platzsparend, so würde auch ein Acht-Mann-Zelt in eine Aktentasche passen. Aber leider ist das mit dem Entfalten so eine Sache: Erst muss der Vorflügel weggestreift werden, dann wird entfaltet. Das dauert seine Zeit, zumal es nicht immer beim ersten Mal klappt. Dann wird eingefaltet und wieder ausgefaltet. Fliegen als Fluchtmittel scheidet damit für den Ohrwurm schon mal aus: „Es kann bis zu einer Minute dauern, bis alles eingerastet ist“, hat Julia Deiters beobachtet – mit einer Hochgeschwindigkeitskamera.

„Mit seinen Flügeln kann der Ohrwurm sehr elegant und sehr präzise fliegen“, hat sie festgestellt – mit langsamem Flügelschlag. Dennoch kann er, wie ein Kolibri, auf der Stelle fliegen und punktgenau landen.

Zum Zusammenfalten schlägt er die Flügel überm Kopf zusammen

Obwohl es so schön aussieht, neigt der Ohrwurm nicht zum Abheben. Er entfaltet seine Flügel nur zu besonderen Anlässen, deswegen bestand ein Teil der Arbeit der Wissenschaftlerin auch darin, die Ohrwürmer zur Entfaltung zu bringen. Denn die Mechanik interessiert die junge Wissenschaftlerin besonders: Am Lehrstuhl für Mechanik und Robotik der Universität Duisburg-Essen schreibt sie derzeit ihre Doktorarbeit. Und die Faltmechanismen des Ohrwurms könnten irgendwann industrielle Anwendung finden: Nicht nur fürs Cabrio-Verdeck, sondern auch fürs Sonnensegel im Weltraum.

Da sage keiner, es ginge nicht hoch hinaus, obwohl der Ohrwurm doch so ungern fliegt. Zusammengefaltet bekommt er seine Flügel übrigens recht fix: Er schlägt einmal die Flügel über dem Kopf zusammen und dann faltet sich das Wunderwerk wieder zusammen.

Und vermutlich summt er dabei noch leise „Live is life...“

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes haben wir den Vornamen von Frau Deiters fälschlicherweise mit Judith angegeben. Julia ist richtig - wir haben das korrigiert und bitten um Entschuldigung.