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Wie Essen aus der Mülltonne in den Kühlschrank kommt

15.02.2016 | 19:00 Uhr
Wie Essen aus der Mülltonne in den Kühlschrank kommt
Essen aus dem Müll: Eine Gruppe Studenten beim so genannten „Containern“ – was nicht nur den Kühlschrank füllt, sondern auch als politischer Protest zu verstehen ist.Foto: Alexander Volkmann

Essen.  Noch immer landen essbare Lebensmittel in den Mülltonnen der großen Handelsketten. Jetzt wird ein Verbot des Wegwerfens von Lebensmitteln diskutiert.

Man möge ein Handtuch mitbringen, oder ein Stück Teppich, weil der Zaun Spitzen hat, aber nach dem Überklettern findet man im Abfall des Rewe-Marktes in Essen-Frohnhausen, was Herz und Magen begehren. „Es ist jedes Mal wie Weihnachten“, frohlocken die Autoren auf „Trashwiki“ im Internet, ein Leitfaden für Menschen, die „containern“. Sie nehmen mit, was Lebensmittelmärkte wegwerfen – und manchmal mit Rattengift und Waschmittel bewusst unbrauchbar machen. Auch Lidl- und Aldimärkte sind fürs Containern meist untauglich: Hier werden die Abfälle direkt gepresst, also vernichtet. Das wird nun in Frankreich verboten und von Verbraucherschutzverbänden für Deutschland gefordert.

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Zurecht, sagt Jil Ullenboom: „Unser Kühlschrank ist immer voll – und wir versorgen auch noch andere Wohngemeinschaften und können oft etwas spenden“, erzählt sie. Die Münchener Studentin hat ihr unappetitliches Handwerk in Rheinberg gelernt. „Aber hier in München sind die Bedingungen noch besser.“ Zur Ersparnis kommt für sie die Politik: Sie versteht ihre Tätigkeit in der rechtlichen Grauzone als Kritik an der Wegwerfgesellschaft. Wobei Jil Ullenboom weiß: „Mit meinen Eltern muss ich auch diskutieren, dass ein Joghurt nicht schlecht ist, wenn er das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hat.“

Gute Logistik und Tafelspenden

Weil der Kunde jedoch den Joghurt nicht kauft, wenn das Datum auf dem Deckel nahe ist, sortiert man in der Metro früh aus. „Die Ware geht ja von uns in den Handel, deswegen sortieren wir schon lange vor dem Ende der Mindesthaltbarkeit aus und geben die Ware an die Tafeln“, so Geschäftsführer Christian Luczak. So sieht es auch seine Zentrale in Düsseldorf, die auch die Real-Märkte betreibt. Regale immer gut sortieren, damit alles rechtzeitig weg geht, gute Logistik und zudem arbeite man seit Jahren mit der Tafelbewegung zusammen, um möglichst wenig wegwerfen zu müssen.

Ähnlich äußert sich der Moerser Rewe-Filialleiter Christian Vriesen: „Bei uns gehen die meisten Lebensmittel, die wir nicht verkaufen, an die Tafeln. Bei Fisch und Fleisch geht das nicht, weil wir da die Genießbarkeit nicht garantieren können.“

Im Handel gehen 14 % Verloren
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Der Handel ist für 14 Prozent der verlorenen Lebensmittel verantwortlich, hat eine WWF-Studie ergeben. Das meiste landet zuhause unter der Spüle: Endverbraucher sind für knapp 40 Prozent der Lebensmittel im Müll verantwortlich. Vor allem Brot und Kuchen, Obst und Gemüse werden häufig weggeworfen.

Die weiteren Verluste entstehen bei Großverbrauchern, also in der Gastronomie (19 %) sowie bei der Ernte (5 %), bei Transport und Lagerung (9 %) und beim Verarbeiten (14 %).

Manfred Burkowski, Betreiber von Edeka-Filialen in Essen und Bochum, sagt: „Ich bin gegen gesetzliche Regelungen. Bei uns wird schon heute kaum etwas weggeworfen. Schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen.“ Wenn das Haltbarkeitsdatum näher rückt, kostet der Joghurt nur noch die Hälfte und die bräunlichen Bananen finden für 99 Cent pro Kilo einen Abnehmer. Bei seinem größten Markt kooperiert er mit den Tafeln. „Weil wir gesagt haben: Das geht nicht, dass Lebensmittel im Müll landen, die noch essbar sind.“

Das scheint nicht überall so zu sein. Rosemarie Götzke, Leiterin der Weseler Tafel: „Ich habe das Gefühl, dass es für einige Konzerne günstiger ist, die Sachen zu entsorgen, anstatt einen Mitarbeiter zu beauftragen, der die Ware an den Fahrer der Tafel aushändigt.“ In Wesel sei die Situation seit zwei Jahren sehr schlecht, Obst und Gemüse würden kaum abgegeben.

Tafeln könnten mehr abnehmen

Im August vergangenen Jahres musste sogar ein Aufnahmestopp verhängt werden. Götzke hat bei den Konzernen angefragt: „Wir haben uns schon den Mund fusselig geredet und laut um Hilfe gebeten“, erinnert sich die Leiterin: „Eine Regelung, dass die Konzerne ihre Lebensmittel an die Tafeln geben müssen, wäre für uns sehr gut.“

Ihr Kollege von der Duisburger Tafel, Günter Spikofski, und der Geschäftsführer der Mülheimer Tafel, Ulrich Schreyer, könnten ebenfalls mehr gebrauchen, doch geben sie zu bedenken, dass mehr Ware mehr Aufwand und Kosten bedeuten. „Uns fehlen dafür ehrenamtliche Helfer“, sagt Günter Spikofski. Viel wichtiger sei es aber, an die Freiwilligkeit zu appellieren. „Die Frage ist, was unsere Fahrer ausgehändigt bekommen. Wenn wir von den 500 Kilogramm Lebensmittel 400 wegwerfen müssen, weil auch wir sie nicht mehr ausgeben können, dann ist uns mit einer neuen Regelung nicht geholfen.“

Stephan Hermsen und Susanne Kollmann

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2016-02-15 19:00
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