Elternverband: Regierung rechnet Unterrichtsausfall schön

Der Unterrichtsausfall ist ein Problem an den Schulen.
Der Unterrichtsausfall ist ein Problem an den Schulen.
Foto: Peter Endig/Archiv
Laut Statistik von Ministerin Löhrmann fallen nur 1,7 Prozent der Schulstunden in NRW aus. Diese Zahlen hält die Landeselternkonferenz für Quatsch.

Düsseldorf.. Angeblich nur 1,7 Prozent des Unterrichts fallen an den Schulen NRWs aus. Das jedenfalls soll eine vom Schulministerium veröffentlichte Stichproben-Erhebung ergeben haben. Und die grüne Ministerin Sylvia Löhrmann beharrt auf deren Wahrheitsgehalt. "Da ist nichts geschönt", betonte sie am Donnerstag. Sie zweifele nicht daran, dass die Schulleitungen die für die Untersuchung gelieferten Daten ehrlich ermittelt hätten.

Etliche Kritiker hatten Zweifel angemeldet - und Schönrechnerei unterstellt. Denn zugleich nimmt der Vertretungsunterricht zu - darunter fällt auch eigenverantwortliches Lernen der Schüler, Zusammenlegen von Lerngruppen oder fachfremder Ersatzunterricht. Ebenso wächst der Anteil des "Unterrichts in besonderer Form", der Projekttage, Schulfahrten oder -feste umfasst.

Im Interview kritisiert Eberhard Kwiatkowski, der Vorsitzende der Landeselternkonferenz NRW, deutliche Zweifel an Löhrmanns Berechunugen.

Nur 1,7 Prozent des Unterricht fallen im Schuljahr 2014/2015 ganz ins Wasser. Sind Sie überrascht von dem Ergebnis?

Eberhard Kwiatkowski: Ja, total. Das ist keine glaubhafte Zahl. 1,7 Prozent, das ist definitiv ein nicht nachvollziehbares Ergebnis. Das würde ja im nicht-spürbaren Bereich liegen. Fragen Sie mal die Eltern. Das glaubt Ihnen niemand (...). Die Zahl ist viel zu niedrig.

Vertretungsunterricht und Unterricht in besonderer Form nehmen ja zugleich zu. Spiegelt das denn die Realität?

Kwiatkowski: Dass in der Stichprobe auf einer Seite der ersatzlose Unterrichtsausfall abnimmt und auf der anderen Seite unter anderem der Vertretungsunterricht zunimmt, weist darauf hin, dass geschönt wurde. Insgesamt wird die Realität jedenfalls nicht sauber gespiegelt. Das würde ich der Ministerin so auch gerne sagen.

Bei den Realschulen sieht es vergleichsweise schlecht aus, im Gymnasium in der Sekundarstufe II dagegen gut. Warum wohl?

Kwiatkowski: Das ist schwer zu sagen, es gibt sicher viele Faktoren. Neben den Realschulen fällt auch bei den Hauptschulen überdurchschnittlich viel Unterricht aus. Es könnte auch damit zusammenhängen, dass es bei neuausgebildeten Lehrkräften - zumindest bei den Hauptschulen - ein Attraktivitätsproblem gibt.

Was kann man tun gegen Unterrichtsausfall?

Kwiatkowski: Wir haben Verständnis für kranke Lehrer. Aber wir haben definitiv zu wenig Lehrer. Es gab mal eine Ausfallreserve von fünf Prozent. Wenn wir das wiederbekämen, würde das schon sehr helfen. Man muss auch im Vorfeld Konzepte gegen Ausfälle erarbeiten. An jeder Schule sollten für alle Fächer Aufgabenpakete für den Lernstoff eines Halbjahrs in den Schubladen liegen. Nach einer Einführung durch einen Ersatzlehrer, der den Lernstand abfragt und die passenden Aufgaben raussucht, könnten die Schüler dann konzentriert in Eigenbeschäftigung weiterarbeiten.

Welche Folgen hat der Ausfall für Schüler - mit Blick auf Unterrichtsqualität und Bildungserfolg?

Kwiatkowski: Der Unterrichtsausfall spiegelt sich im schwachen Abschneiden bei Bildungsstudien wie Pisa wider. Ist ein Lehrer eine Woche krank und der Unterricht fällt ganz oder teilweise aus, heißt es danach bei der Stoffvermittlung: Schnelligkeit vor Qualität. Da kann man da nur sehr unzufrieden sein. (dpa)

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