Ein Verfall der Höflichkeitskultur

Wuppertal..  Höflichkeit ist wieder ein großes Thema. Weil Umgangsformen in einer von Konkurrenz geprägten Gesellschaft den Unterschied machen kann? Oder weil Höflichkeit heute zur Seltenheit geworden ist und alles immer schlimmer wird? Da sind sich in diesen Tagen auch die Experten an der Uni Wuppertal nicht einig. Aber immerhin erscheinen solche Fragen den Wissenschaftlern bedeutend genug, um eine dreitägige internationale Konferenz zur Höflichkeitsforschung zu veranstalten. Denn klar ist: Die wachsende Bedeutung neuer Medien und die Begegnung unterschiedlicher Kulturen wird die Probleme noch verschärfen.

Was ist Höflichkeit?

Unter Akademikern beginnen die Schwierigkeiten traditionell schon mit der Begriffsklärung: Was ist Höflichkeit und welchen Sinn hat sie? In seinem Impulsreferat zur Kultur der Unhöflichkeit versucht Jürgen Roth, Germanist, Journalist und Autor des Pamphlets „Benehmt euch!“ es so: „Der Sinn von Höflichkeit ist Ungestörtheit und Anerkennung. Zivilisiertheit heißt, das eigene Selbst nicht zur Lust für andere zu machen.“ Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache verweigert als Linguistik-Professor eine Definition, formuliert dann aber doch, in Anlehnung an den englischen Begriff Politeness: „Höflichkeit ist die Politur im sozialen Umgang der Menschen.“

Und Linda Kaiser, Etikette-Trainerin und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft betont, es gehe nicht darum, ob Linkshänder bei Tisch die Positionierung des Bestecks ändern dürften, sondern um Wertschätzung, Respekt, Toleranz, Bescheidenheit, Herzensbildung und Aufmerksamkeit für Andere mit dem Ziel eines harmonischen Miteinanders. Und in der Praxis der Benimmkurse sei die Intention: „Wenn ich das eine oder andere kann oder weiß, komme ich in der Gesellschaft besser zurecht. Wenn ich Automatismen eingeübt habe, kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren: die Begegnung mit Menschen.“

Die Analyse

Wie ist denn nun die Lage: Ist die Gesellschaft unhöflicher geworden? Jürgen Roth konstatiert eine Verrohung der Kommunikation in den sozialen Medien, eine Erosion des Sprachbewusstseins und des Stils, eine zunehmende Aggressivität gegenüber Andersdenkenden, einen Tsunami an Grobheit, einen Verlust des Konzepts der Würde, postzivilisatorische Niedertracht in der Öffentlichkeit und Psychokriege in der Arbeitswelt. Genug? Nein: „Es wird immer lauter, härter und gemeiner. Auch das bürgerliche Kulturpublikum pöbelt. Die Barbaren stehen Schlange bei der Post und sitzen in den Chefetagen. Erst herrscht ein ständiger Krawall und egozentrischer Aufruhr, als gebe es weder Nachbarn noch Mitmenschen.“ Puh.

Und warum diese Verwahrlosung und Verrottung? Weil wegen zunehmender Konkurrenz mit härten Bandagen gegen den Abstieg gekämpft werde, weil das Bildungssystem zertrümmert sei und der Gedanke der Solidarität verschwunden, so Roth.

Die Gegenanalyse

Man kann aber alles auch ganz anders sehen. Peter Schlobinski vermutet, die Menschen seien schon immer so gewesen wie heute: „Wir haben es nur nicht gesehen. Das Netz prägt seit 20 Jahren unsere Wahrnehmung.“ Und auch dort machten Beleidigungen nur einen kleinen Prozentsatz aus. Linda Kaiser sieht es ähnlich: „Die Gesellschaft ist nicht unhöflicher geworden. Es gibt aber vielfältigere Äußerungsmöglichkeiten. Es wird mehr publik, und das Unhöfliche interessiert mehr als das Angemessene.“ Ein Wahrnehmungsproblem also. Allerdings sieht auch sie immer mehr Bequemlichkeit im Alltag: „Höflichkeit hat auch mit Selbstdisziplin zu tun. Wir sind alle immer wieder gefordert.“

Die Schule

In der Praxis zeigt sich dann allerdings doch ein ziemlich gravierendes Problem, berichtet Susanne Dieker, Konrektorin der Städtischen Realschule in Mülheim an der Ruhr: „Wir erleben einen Verfall der Höflichkeitskultur.“ Die Zahl der Schüler, die erst sehr spät lerne, Höflichkeitsformen anzuwenden, sei stark gestiegen. Deshalb übe man in den fünften und sechsten Klassen Umgangsformen und Begrüßungsrituale, später Vorstellungsgespräche: „Das ist absolut nötig geworden.“

Dieker hat Verständnis dafür, dass Jugendliche sich durch ihren Sprachgebrauch, der sehr verschieden sei zu dem der Lehrer, zu ihrer Altersgruppe bekennen. Aber: „Vielen Schülern ist der Unterschied zwischen Schulhof und Klassenraum nicht bewusst.“ Warum? „Es sind wohl Veränderungen in den Elternhäusern. Auch dort werden die Höflichkeitsformen nicht mehr beherrscht. Die neuen Medien kommen noch dazu.“