Ein Helfer in der Not

Berlin..  Nicht lange fackeln – sondern machen: Am Sonntagnachmittag hat Harald Höppner einen alten Fischkutter von Hamburg aus ins Mittelmeer geschickt, um ertrinkende Flüchtlinge zu retten. Sonntagabend saß der 42-Jährige in Berlin bei Günther Jauch, riss das Steuer an sich und verordnete dem Moderator, seinen Talkgästen und dem Publikum eine Schweigeminute für die toten Flüchtlinge. Seitdem ist der zupackende Ostdeutsche bundesweit bekannt.

„Was ist unsere Pflicht?“, wollte Jauch von seinen Gästen wissen – allein in den letzten Tagen waren bis zu 1000 Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer ertrunken. Harald Höppner hat längst ei­ne Antwort gefunden: Fischkutter gekauft und renoviert, Freiwillige angeheuert, Leinen los. Ausgerüstet mit Hilfsgütern für mehrere Hundert Menschen steuert die „Sea Watch“ inzwischen über die Nordsee und den Ärmelkanal in Richtung Mittelmeer.

Der Kapitän heißt Ljubomir Filipović und war selbst mal Flüchtling: Vor 20 Jahren konnte er sich vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan nach Deutschland retten. Heute lenkt er den 100 Jahre alten holländischen Kutter zum Basishafen nach Malta. Bei stabiler Wetterlage will die Freiwilligencrew der „Sea Watch“ von hier aus drei Monate lang nördlich der libyschen Küste kreuzen: Flüchtlingsboote in diesem Bereich des Mittelmeeres sind selten seetauglich, oft bereits schrottreif und so überladen, dass sie regelmäßig in Seenot geraten.

Höppners Kutter ist zu klein, um in Seenot geratene Flüchtlinge selbst an Bord zu nehmen – hat aber Rettungswesten und Rettungsinseln dabei, kann Flüchtlinge mit Trinkwasser und Lebensmitteln versorgen und die offiziellen Rettungsdienste verständigen. Für die Crew sucht Höppner bereits seit Wochen nach Skippern, Ärzten, Sanitätern, Mechanikern, Funkern – und Journalisten. Damit auch Live-Berichte um die Welt gehen. Höppner ist nicht größenwahnsinnig. Er weiß genau: Die Aktion ist nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“ – doch als der gebürtige Ostberliner im letzten Herbst wieder einmal die Berichte zum Mauerfall sah, die Fluchtgeschichten über Elbe und Ostsee, da war für ihn die Sache klar. Als DDR-Flüchtling hätte er sich auch über jeden gefreut, „der mich nicht ertrinken lässt“. Das Geld für seine Aktion hat Höppner bei seinen Mitstreitern eingesammelt. „Wir sind keine Millionäre“, sagt er.

Wenn die Aktion länger dauern soll, als die zunächst geplanten drei Monate, müssen Spenden fließen. Doch erstmal muss die „Sea Watch“ überhaupt ihre Arbeit aufnehmen: „Es hat sich schon gelohnt, wenn wir nur einen einzigen Menschen retten konnten“, sagt der Familienvater. Mehr als 200 Freiwillige hätten sich bereits gemeldet, fügt er hinzu. Viele Menschen sind froh, endlich etwas ge­gen die Ohnmacht im Fernsehsessel tun zu können.

Essener Kinderarzt findet Hilfsaktion „sinnvoll“

„Sinnvoll“ findet auch Werner Strahl die große Reise des kleinen Kutters, „weil sie Aufmerksamkeit erzeugt“. Der Essener Kinderarzt ist Vorsitzender der Hilfsorganisation Cap Anamur. Von der Rettung der vietnamesischen „Boat People“ bis zu juristisch heiklen Einsätzen im Mittelmeer, hat die Hilfsorganisation viel Erfahrung mit Rettung auf hoher See. Die Mission der „Sea Watch“ beobachtet Strahl mit Wohlwollen, aber auch mit Skepsis: Um Flüchtlinge systematisch in einem mehrere tausend Quadratkilometer großen Seegebiet zu retten, seien Hubschrauber oder Flugzeuge nötig. „Höppner mit seinem kleinen Boot wird vermutlich wenig erreichen können.“

Den Auftritt bei Jauch hätte sich Strahl – wie mancher Kommentator im Internet – etwas weniger emotional gewünscht: „So ein Alleingang als Retter ist zwar sehr gefühlvoll.“ Doch spektakuläre Einzelaktionen dürften nicht davon ablenken, dass es um mehr geht: „Wir müssen den Ländern so helfen, dass die Leute gar nicht erst fliehen müssen.“