Ein halbes Jahr im Weltraum – der Alltag des Alexander Gerst

Der ESA-Astronaut Alexander Gerst blickt während seines Fluges mit der Internationalen Raumstation ISS durch ein Fenster in der Kuppel auf die Erde.
Der ESA-Astronaut Alexander Gerst blickt während seines Fluges mit der Internationalen Raumstation ISS durch ein Fenster in der Kuppel auf die Erde.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Ob Ebola, Krimkrieg oder Bomben auf Gaza, der elfte deutsche Astronaut Alexander Gerst schwebte ein halbes Jahr lang über den Dingen.

Unsere Erde.. In Westafrika tötet das Ebola-Virus Tausende Menschen, Russland annektiert die Krim, Israel zerbombt den Gazastreifen Deutschland wird Fußballweltmeister, die Menschen schütten sich zu Tausenden Eiswasser über den Kopf und haben Angst vor Krieg, Klimawandel und dem IS – das alles geschieht zwischen Mai und November 2014.

Alexander Gerst schwebte über diesen Dingen. Der elfte deutsche Astronaut war fast ein halbes Jahr im Weltraum. Weltraum – das klingt so fern, so entfremdet. Andererseits jedoch: Er war bei all diesen Ereignissen auch näher dran als jeder von uns. Die Internationale Raumstation fliegt gerade mal in gut 400 Kilometern Höhe über unsere Köpfe – nicht weiter, als Köln von Hamburg entfernt ist.

„Von dort oben kann man sogar noch den Kölner Dom erkennen“, sagt er. „Und die rauchenden Schornsteine überall; wie wir die Erde ruinieren. Dabei wirkt die Atmosphäre um unseren Planeten so dünn, als könnte man sie einfach wegpusten.“ Er ist gewiss nicht der erste Astronaut, der vom All aus die Zerbrechlichkeit des blauen Planeten erkannt hat, aber er ist einer, der uns wie kaum ein anderer davon erzählt hat und erzählen wird.

Denn das Internet reicht bis in die Umlaufbahn. Gerst twitterte, zeigte Fotos, beschrieb seinen Alltag: Man richtet sich nach der Londoner Uhr, auch wenn man in 90 Minuten alle Zeitzonen durchquert, es gibt ein Stündchen Freizeit pro Tag, und samstags wird in der WG geputzt.

Und es ist gut, wenn man Rasierschaum dabei hat. Ein Schmelzofen zur Erstellung neuer Metalllegierungen war defekt, ein Bolzen musste abgesägt werden. „Mit dem Leatherman“, sagt Gerst. Das Pendant zum Schweizer Offiziersmesser, born in the USA. Doch die Metallspäne wären planlos durch die Raumstation geflogen, hätten Kurzschlüsse verursachen können – es sei denn, man bindet sie mit – genau: Rasierschaum.

Robotern fehlt Kreativität– und der Rasierschaum

Roboter haben keinen Bartwuchs – und keine derartige Kreativität. „Deswegen“, sagt Gerst, „müssen wir Menschen ins All!“ Deswegen sei es nicht egal, ob eine Sonde zum Mars fliegt oder einer von uns. Es ist klar: Er würde es tun, gleich morgen. „Wir können länger im All bleiben als gedacht“, sagt der 38-Jährige, der die 166 Tage Schwerelosigkeit so locker weggesteckt hat wie kaum ein anderer Astronaut vor ihm.

Das alles wurde medizinisch dokumentiert. „Die Erkenntnisse helfen auch Menschen mit Osteoporose hier auf der Erde“, sagt er. Gerst ist einer, der glaubt, dass der Geist des Fortschritts ein guter ist. Dass Erkenntnisse aus seinen 166 Alltagen unseren Alltag besser machen werden.

Mittlerweile ist Gerst wieder zuhause, mit beiden Beinen auf der Erde – und die Beine tragen ihn bereitwillig. Er hat sich an die Erdenschwere gewöhnt. Und daran, dass man Gegenstände, die man gerade mal nicht braucht, nicht mal eben „in der Luft abstellen kann“.

Und noch 2500 Mails beantworten, die aufgelaufen sind. Dann irgendwann kommt er vielleicht dazu, den Film „Interstellar“ zu gucken, über eine Reise zu fernen Planeten. Wer selbst im All war, ist auf den Kino-Alltag nicht mehr so arg gespannt. Außerdem muss er seine Steuererklärung machen: Er war schließlich Angestellter der Europäischen Raumfahrtagentur. Und die Steuerpflicht reicht bis ins All. Die Reisekostenabrechnung würde man gern mal sehen. Rund 3200 Erdumkreisungen zu je 40.000 Kilometern macht 130 Millionen Kilometer im Dienstfahrzeug...

Eine Frau begrüßt ihn und bedankt sich, dass er bei seinen zahlreichen Beiträgen im Internet einmal auch ein kleines rotes Herz über seiner Hand schweben ließ: Er hat es mitgenommen in seinem gerade mal anderthalb Kilo persönlichen Reisegepäck. „Das haben wir ihm mitgegeben als Dankeschön, weil die Erkenntnisse aus der Weltraumforschung es ermöglicht haben, eine neue Operationsmethode bei Neugeborenen mit Herzfehlern zu entwickeln“, erzählt sie. „Ohne diese Erkenntnis aus dem All würden einige der Kinder heute nicht mehr leben.“

Manche Kopfgeburt in der Schwerelosigkeit hat eben doch Gewicht auf Erden. Von wegen -- Weltraumfahrt bringt uns Kugelschreiber und Teflonpfanne und sonst nichts...

Forschung, die Herzen vonNeugeborenen gerettet hat

Gerst ist einer, der die schweren und die leichten Dinge gut miteinander kombinieren kann – vielleicht müssen Himmelsboten heute so sein: kühler kahler Kopf, ein herzliches Lächeln und eine unverstellte Aufmerksamkeit für alle Mitmenschen.

Man glaubt ihm, wenn er erzählt, wie er mit den russischen und amerikanischen Kollegen auf den Globus guckt, auf die Konflikte und Kriege da unten.

Und sie nicht länger versteht: „Wir sind so weit, dass wir die ersten Schritte in den Weltraum tun können. Ich bin überzeugt, dass es bald möglich sein wird, Menschen zum Mars fliegen zu lassen. Aber moralisch sind wir noch in der Steinzeit“, sagt Gerst.

Hat er denn kein Andenken mitgebracht, aus dem All? Gerst schüttelt den Kopf: Von dort oben kann wohl nur der Weihnachtsmann Geschenke mitbringen. „Das ist es ja eben: Da oben ist nichts. Alles, was uns Menschen ausmacht, alles was wir haben, ist dieser kleine blaue Planet.“

„Blue dot“ hieß seine Mission. „Blauer Punkt“ – gemeint war unsere Erde.