„Die Narrenfreiheit verteidigen“

Düsseldorf..  Eigentlich alles wie immer. Die Sterne funkele, mir Düsseldorfer schunkele. Der Rosenmontagszug ruckt pünktlich um 12.30 Uhr an und Jacques Tilly, der oberste Wagenbauer, atmet durch. Denn bis zuletzt war da vor allem die Sorge, dass sich in Düsseldorf wiederholt, was am Sonntag in Braunschweig geschah. Tut es aber nicht. Die Kamelle fliegt, die Kinder sammeln, einer der Vorbeter ruft „Düsseldorf“ ins Mikrofon und die Gemeinde antwortet mit „Helau“. Tilly, mit langer, blonder Zopfperücke, schaut über sein anrollendes Werk. „Angst habe ich nicht, die würde mich nur bei der Arbeit behindern. Außerdem ist es meine Pflicht als Satiriker, die Narrenfreiheit zu verteidigen.“

Das macht er dann auch mit gleich mehreren Wagen. Einer davon, Wagen 23, ist bis kurz vor dem Start mit schwarzem Tuch verhüllt. Das wird dann gelüftet: Ein kopfloses Opfer hat die Zeitschrift Charlie Hebdo in der Hand, hinter ihm schwingt ein finsterer Islamist den Säbel: Satire kann man nicht töten, ist da zu lesen. Bei seinem Anblick reagiert das Narrenvolk, wie man heute eben so reagiert. Das Handy wird gezückt, ein Foto gemacht.

Die Stimmung auf und um die Wagen ist ebenfalls tiefenentspannt. Stefan (41), der mit seinem Kostüm nah bei Captain Jack Sparrow dran ist und bei den Hafenpiraten mitzieht, fasst die Gemütslage zusammen: „Ich fühl mich sicher.“

Hinter ihm rollt der nächste Terror-Thema-Wagen durch. Zwei Skelette beim Armdrücken. IS und Al-Qaida streiten um die Vorherrschaft des Bösen. Ulrike und Rolf schauen sich den Wagen an und Rolf sagt: „Wir dürfen vor denen nicht kuschen. Sonst geben wir unsere Kultur auf. Wir wollen einfach mal hoffen, dass der Wahnsinn nicht weiter um sich greift.“

Ähnlich denken Gerd und Birgit. Die sind extra aus Frankfurt an der Oder zum Rhein gekommen. Er als Scheich, sie als Nofretete. Ihre Philosophie ist eher fernöstlich: „Was soll’s. Man kann immer zur falschen Zeit am falschen Ort sein.“

Es gibt auch Wagen zu ganz anderen Themen. Putin mit nacktem Oberkörper, der linke Arm wie der von Klitschko, Militär steht drauf, der rechte dürr wie Germanys next Hungerhaken, der Wirtschafts-Arm. Und der Papst natürlich. „Schläge, aber mit Würde“ ist zu lesen, und der Pappkamerad Franziskus gibt dem nackten Hintern des Vatikans Saures. Die Kanzlerin kriegt auch ihr Fett weg. Als Zyklop ist sie zu sehen, und der kleine freche Grieche Odysseus Tsipras hat mit der Fletsche das eine Auge schon anvisiert. Autsch.

Der härteste Wagen sieht von weitem eher fröhlich aus. Lachende Kinder auf der Achterbahn. Dann erst sieht der Betrachter, dass es sich um schreiende Flüchtlinge handelt, die im Mittelmeer versinken. „Der wahre Untergang des Abendlandes.“ Das sitzt und wieder werden die Handys gehoben.

Gleich weiter: Ein US-Panzer mit „idiotische Irak-Politik“ stößt dichten Qualm aus, der sich in ein schwarzes Monster wandelt, in den IS. Die Versöhnung aber ist nicht weit: „Der Karneval ist für alle da. Atheisten, Juden, Christen, Moslems.“ Mehrere Priester stehen auf dem Wagen, Männer mit Bärten, ein Fidel Castro rollt wohl für den Atheismus mit, vielleicht ist das aber auch das Häschen, auf das man sich so recht keinen Reim machen kann.

Die Narren unten sind derweil zufrieden. Und ein älterer Pinguin zapft aus einem an die Straßenlaterne gebundenen Bierfass ein Gläschen und sagt zum Teufelchen neben sich: „Ja, wir sind hier schon ein bisschen kritischer als die in Kölle.“