Die Inge von damals ist wieder da

Moers..  Wilma Duckwitz (79) aus Moers erzählt von ihrer besonderen Bindung zu einer Puppe:


„Meine Kindheit, hauptsächlich bestehend aus einer heiß geliebten Puppe und einem Puppenhaus, das mein Vater für mich angefertigt hatte, zerplatzte mit den ersten Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges. Mit meinem Elternhaus wurden auch Puppe und Puppenhaus zerstört.

Selbst als man die Tage und die Schulzeit nicht mehr im Bunker verbrachte, war das Spielen mit anderen Kindern eine Herausforderung der eigenen Fantasie: Aus Stofffetzen entstand der Ball für das beliebte Spiel Schlagball, die verrostete Blechdose am Bach erschien mit einer Decke aus Blättern auf einmal als Esstisch und Glanzbilder wurden zu angesagten Tauschobjekten.

So kam es mir wie eine Belohnung vor, als mein Bruder Erich von den Engländern als Koch angeheuert wurde und er mich einlud, ihn an seinem Arbeitsplatz zu besuchen. Als ich der Einladung im Jahr 1945 folgte, fand ich mich auf einmal vor einem eisernen Tor wieder, das von den englischen Alliierten bewacht wurde. An die Angst, die ich in diesem Moment – glücklicherweise unbegründet – empfand, kann ich mich heute noch erinnern. Genauso wie an den Duft und Geschmack des schwarzen Tees, den ich dort das erste Mal getrunken habe. Der Tee hat besser als alles andere geschmeckt, das ich je zuvor gegessen oder getrunken habe.

Auch heute noch trinke ich gerne schwarzen Tee, aber nur mit Sahne wie damals. Er ist der süße Nachklang einer bitteren Kindheit, in der ich viel Verlust erfahren musste, aber durch die ich auch vieles schätzen gelernt habe. Sei es der Duft, der aus einer Bäckerei zu mir herüberweht, oder sei es der Anblick von Spielzeug in dem Bewusstsein, dass ich es mir jederzeit kaufen kann.

Und auch wenn ich vieles in der Kindheit verloren habe, so habe ich doch auch vieles wiedergefunden. Wie die Puppe, die ich mir 1997 gekauft habe und die meiner alten zum Verwechseln ähnlich sieht.“