Die Fremdheit wegtanzen

Foto: Volker Hartmann

Essen..  Mit Inlineskates unter den Füßen sausen einige Roma-Mädchen aufgeregt an die Tür des Schulgebäudes an der Kapitelwiese im Essener Norden, das nunmehr als Flüchtlingsunterkunft dient. Neugierig bestürmen sie die Besucher mit Fragen: „Wie heißt du?“ und „Tanzt du gleich auch?“

Kneifen gilt nicht, denn es ist Durdevdan, ein Frühlingsfest, das in Osteuropa gefeiert wird. „An solchen Tagen spürt man, wie ähnlich unsere Kulturen sind“, sagt Ridda Martini, der die Einrichtung leitet.

Berührungsängste abbauen

„Heute können die Bewohner uns zeigen, was sie drauf haben.“ 80 Menschen tummeln sich im Garten, wo ein kleines Konzert stattfinden soll. Für Flüchtlinge und Nachbarn ist dies eine Möglichkeit, sich kennenzulernen. Wie viele der Gäste dauerhaft dort leben und wie viele einfach mal vorbeigeschaut haben, ist schwer zu sagen. Und genau darum geht es.

Die Musiker tragen ihre Instrumente nach draußen; darunter eine Oud, eine Art orientalische Laute. Ein türkisches Trio wird gleich ohne Gage spielen - die drei arbeiten gelegentlich zusammen, wenn es um die gute Sache geht. Die ersten Würstchen brutzeln auf dem Grill, da Mitglieder des Runden Tisches ein großzügiges Buffet beigesteuert haben.

Die Sonne wechselt sich mit kurzen Schauern ab und zaubert einen prächtigen Regenbogen an den Horizont. Dabei hat das Wetter Symbolcharakter für das gesamte Geschehen. Wer sich umschaut, wähnt sich auf einer kleinen Nachbarschaftsparty, doch tatsächlich ist das, was Initiatorin Veronika Maruhn hier geschaffen hat, ein experimenteller Raum, in dem Menschen sich wirklich begegnen können, in dem alles möglich scheint.

„Play for people“ nennt die Schauspielerin dieses Konzept. „Uns geht es darum, Kunst und Kultur in die Flüchtlingsheime zu bringen und dadurch Hemmschwellen abzubauen.“ Denn Musik hat nicht nur die Macht, Berührungsängste zwischen Flüchtlingen und Einwohnern zu beseitigen, sondern kann auch das Klima unter den Heimbewohnern selbst verbessern. Denn wo Menschen sich auf engstem Raum miteinander arrangieren müssen, entstehen Konflikte – das ist wohl ein kulturübergreifendes Phänomen. Weitere Konzerte und Theateraufführungen sollen in den Essener Einrichtungen bald folgen. Veronika Maruhn wünscht sich, dass die Idee Schule macht. „Interessierte laden wir herzlich ein, das Projekt weiter voranzubringen.“

Petra Leonartz beobachtet derweil lächelnd einige Mädchen, die an ihrem Hüftschwung feilen. Viele von ihnen sprechen erstaunlich gut Deutsch – vor allem, wenn sie Folgeanträge für einen weiteren Aufenthalt in Deutschland besitzen und regelmäßig die Sprachkurse besuchen. „Eigentlich sind diese Flüchtlingsheime nicht die richtige Lösung“, findet die 60-Jährige. „Man müsste sich vor allem mehr um eine vernünftige Schulbildung für die Kinder kümmern.“

Auch Syed Erfan Haider Kazmi gefällt die Musik. Für einen kurzen Moment scheint er zu vergessen, was ihm nachts den Schlaf raubt. Immer wieder sucht der Iraner das Gespräch mit den deutschen Besuchern und kramt dann ein Foto aus seinem Portemonnaie. Es zeigt Syeds Frau, die er im Iran zurücklassen musste. Weil sie Christin ist, lebt sie in ihrer Heimat sehr gefährlich, doch Syeds Versuche, sie in Deutschland in Sicherheit zu bringen, sind bislang gescheitert. „Ich denke jeden Tag an sie. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“