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Die ersten Urteile von Köln

25.02.2016 | 05:33 Uhr

Köln. Es geht um Diebstahl. „Nur“ um Diebstahl möchte man sagen. Dilettantisch ausgeführt, ohne Gewaltanwendung. „In normalen Zeiten“, sagt der Kölner Oberstaatsanwalt Bastian Blaut denn auch in seinem Plädoyer, „hätten wir in aller Kürze und ohne großes Aufsehen hier verhandelt. Aber die Zeiten sind nicht normal.“ Denn die Taten, um die es geht in den beiden Prozessen gestern vor dem Kölner Amtsgericht, sie fanden in der Silvesternacht statt.

Deshalb schleppen bereits früh am Morgen Kamerateams aus dem In- und Ausland ihre Ausrüstung ins Foyer. Das Verfahren selbst ist aus dem Zimmer der Einzelrichter in einen Strafgerichtssaal verlegt worden. Doch selbst da wird es eng. Gut 60 Journalisten sind gekommen, die Fotografen verursachen ein Blitzlichtgewitter, als der erste Angeklagte erscheint.

Ein Blitzlichtgewitter für Kleinkriminelle

Nach eigenen Angaben kommt er aus Marokko, heißt Younes A. und ist 23 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof einer jungen Frau das Handy gestohlen zu haben, als die 20-Jährige gerade ein Foto vom Dom machen will. Viel Freude hat der Dieb nicht an seiner Beute. Verfolgt vom gut einen Kopf größeren Opfer läuft er davon, bis ein Passant ihm nach ein paar Metern ein Bein stellt und er stürzt – unweit einer Polizeistreife, die bei ihm Amphetamine in den Socken findet

„Eine kleine Wurst“ nennt sein Anwalt ihn, und auch die beiden Angeklagten, denen nach ihm der Prozess gemacht wird – ebenfalls junge Nordafrikaner – sitzen wie geprügelte Hunde auf ihren Stühlen, blicken nur nach unten, sprechen leise, entschuldigen sich immer wieder. Auch sie sind auf frischer Tat ertappt worden, als sie ei­nem indischen Touristen eine Kameratasche stehlen wollten. Das Opfer selbst packte sie am Kragen und übergab sie der Polizei.

Sechs Monate auf Bewährung und eine Geldstrafe für Handydiebstahl

Sie sind keine Schwerverbrecher, aber sie sind drei von vielen Tausend Flüchtlingen, die längst in ei­ner Art Parallelgesellschaft leben. Verschwunden aus den Notunterkünften, in die man sie zugeteilt hatte, untergetaucht bei Landsleuten. Viele Monate im Land ohne ein Wort der Sprache zu beherrschen. Der eine fährt schwarz, der andere klaut sich seine Klamotten auf dem Dortmunder Westenhellweg zusammen. „Sie nehmen“, sagt Armand Scholl, Richter im ersten Verfahren, „es nicht allzu ernst mit den Vorschriften in diesem Land.“

Das alles macht die Sache für Richter und Staatsanwälte nicht einfacher. Sie wollen keine Kuscheljustiz sein, wollen aber auch keine Exempel statuieren, weil Öffentlichkeit und Politik es von ihnen erwarten. Der Angeklagte sei nicht verantwortlich für alles, was in jener Nacht geschehen sei, sagt Staatsanwältin Monika Volkhausen. Aber der Diebstahl eines Handys sei eben „ein Mosaikstein im Gesamtgeschehen“. Scholl verurteilt den Mann aus Marokko zu sechs Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe. Das mag wenig klingen, ist bei einer Ersttäterschaft aber schon recht viel.

Auch Julia Roß, Richterin im zweiten Verfahren, verurteilt die Angeklagten zu Bewährungsstrafen – und macht zur Auflage, dass beide in der Einrichtung bleiben, wo man sie hinschickt. In ihrer Ur­teilsbegründung erklärt sie: Weil Flüchtlinge ihre Ausweispapiere immer öfter wegwerfen, wisse man nicht mehr, mit wem man es zu tun habe. Selbst die Anwälte müssen gestern einräumen, dass sie nicht sicher sind, ob die angegebenen Namen, Geburtsdaten und Herkunftsländer ihrer Mandanten richtig sind. Mal ist von Tunesien die Rede, dann wieder von Algerien. „Ich habe keine Ahnung, wer Sie wirklich sind“, hält Roß einem Angeklagten vor. „Das ist ein Phänomen, das mir Angst macht.“

Andreas Böhme

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