„Der Milchpreis wird zunächst fallen“

Am Niederrhein/Brüssel..  60 Kühe stehen im Stall von Dieter Porn in Neukirchen-Vluyn. 30 waren es einmal und die reichten aus, um aus dem Milchverkauf genug zu erwirtschaften. 1984 kam die Milchquote, der Produktion wurden enge Grenzen gesetzt und die Bürokratie machte auch vor dem Hof von Familie Porn nicht Halt. Nur eine erhebliche Aufstockung des Nutztierbestands sorgte für dauerhafte Wirtschaftlichkeit. Ab 1. April beginnt für die Milchbauern eine neue, alte Zeitrechnung. Eine Zeit ohne Milchquote. Die EU lässt die Quote nach mehr als 30 Jahren auslaufen und die Bauern dürfen wieder so viel Milch produzieren wie sie wollen.

Doch viele Viehhalter in Deutschland, Polen, Italien oder Belgien sehen auch Gefahren. Ohne Vorbeugung gegen Marktkrisen „werden die Erzeuger in den Wogen der überschüssigen Milch untergehen, während Lebensmittelgroßkonzerne das Ruder übernehmen“, erklärt der Milchbauernverband EMB. Eine Sorge, die Bauern am Niederrhein nicht teilen wollen. Bauer Dieter Porn glaubt sogar, dass die Großbetriebe eher mit Problemen zu kämpfen haben könnten: „Wer jetzt Millionen in Vieh und neue Stallungen investiert hat, kommt in Schwierigkeiten, wenn der Milchpreis zunächst einmal fällt. Und das wird er.“ Porn rechnet damit, dass es von den derzeit rund 34 Cent pro Liter bis auf 25 Cent nach unten gehen könnte, ehe sich der Markt wieder auf einen etwas höheren Preis einpendelt.

Milchseen und Butterberge

In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren bestand die EU für viele aus Milchseen und Butterbergen – die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) war zu einer gigantischen Fehlsteuerung geworden. Garantiepreise über Weltmarktniveau hielten eine Produktion in Gang, die ständig gewaltig über der Nachfrage lag. Den Schaden hatten Steuerzahler, Verbraucher, internationale Konkurrenten und Farmer in der Dritten Welt. Dem schob das Quotensystem einen Riegel vor. Jedes Land durfte nur mehr eine bestimmte Menge Milch produzieren. Daraus errechneten sich Obergrenzen für die einzelnen Erzeuger. Wer mehr loswerden wollte, musste dafür an der Quotenbörse einem anderen Landwirt Produktionsrechte abkaufen. „Überlieferern“ drohte Strafgeld.

Für die Landwirte war der Wust an Regelungen aber nicht mehr als ein Bürokratiemonster. „Ich finde es nicht schlimm, dass die Quote jetzt verschwindet. Sie hat uns ohnehin mehr geschadet als genutzt. Der Milchpreis war immer marktabhängig. Die Quote hat uns Bauern nur viel Geld gekostet“, sagt Landwirt Herbert Scheers aus Emmerich. Für den Kreislandwirt von Kleve, Josef Peters, war die Milchquote zudem längst nicht mehr zeitgemäß. „Auch die Landwirtschaft ist auf globalen Märkten angekommen. Da ticken die Uhren anders. Eine strikte Mengenbegrenzung passt da einfach nicht mehr. Es gibt Betriebe im Kreis Kleve, die mussten für Überproduktion bis zu 100 000 Euro Strafzahlungen pro Jahr leisten“, so Peters.

Wachstum und Jobs

Die EU-Marktmanager in Brüssel sehen im Ende der Quote eine große Chance. „Für Wachstum und Jobs bieten sich mit Sicherheit neue Möglichkeiten“, sagt EU-Agrarkommissar Phil Hogan. Parlamentarierin Maria Heubuch ist selbst auch Landwirtin mit 40 Kühen auf ihrem Hof im Allgäu. Sie glaubt nicht, dass kleine und mittlere Höfe profitieren, sondern Großbetriebe und die verarbeitende Lebensmittelindustrie. Die Grünen-Politikerin warnt, dass höhere Qualität und nachhaltige Produktion auf der Strecke zu bleiben drohen, wenn die Industrialisierung der Milcherzeugung weiter voranschreitet.

Große Veränderungen plant Bauer Scheers in Emmerich nicht. Er hat 300 Tiere im Stall. Weiteres Wachstum ist schon aus Platzmangel schwierig. „Wir machen unseren Job weiter wie bisher“, sagt Herbert Scheers. Bei 2,5 Millionen Litern Milch im Jahr ist aber auch das schon eine Menge Arbeit. Bauer Porn will die Entwicklung auch erst einmal beobachten. „Im Moment sind die Nutztierpreise rasant gestiegen. Um bis zu 30 Prozent, weil viele ihren Bestand vergrößern. Für mich ist das heute noch kein Thema, aber vielleicht stocken wir auch einmal auf 80 Tiere auf.“ Dem Hof hat das schon einmal Glück gebracht.