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"Der Emscherumbau ist eine Riesenchance für die Städte"

06.03.2016 | 21:28 Uhr
"Der Emscherumbau ist eine Riesenchance für die Städte"
An der Emscher in Dinslaken: Uli Paetzel.Foto: Foto: Markus Joosten

Dinslaken.   Uli Paetzel, der neue Chef der Emschergenossenschaft, spricht im Interview über den Flussumbau. Erste Kommunen denken über „Wohnen am Wasser“ nach.

Noch braucht man Fantasie an der Emschermündung. Aus den schnurgeraden letzten Flussmetern soll etwas weiter rechts ein verzweigtes Delta werden, ein richtiges Naturparadies. Bagger sind schon mitten bei der Arbeit. Uli Paetzel zeigt dorthin. Der gesamte Fluss verändert sein Gesicht. Das Abwasser, das die Emscher jetzt noch mit sich führt, wird künftig durch einen unterirdischen Kanal geführt (derzeit im Bau), der Fluss selbst wird nach gut 100 Jahren als Ruhrgebietskloake in weiten Teilen renaturiert. Uli Paetzel ist der Mann, der das Generationenprojekt Emscher-Umbau in den kommenden Jahren sicher zur Vollendung führen soll: „Ich habe großen Respekt vor dieser Aufgabe“, sagt der neue Vorstandsvorsitzende von Emschergenossenschaft und Lippeverband im Gespräch mit der NRZ.

Herr Paetzel, der Emscher-Umbau biegt auf die Zielgerade ein, eine lange Zielgerade. Was sind die Herausforderungen?

Jugenderinnerungen an die Emscher
"Der Fluss war damals verbotene Zone"

Dr. Uli Paetzel (44) ist in Gelsenkirchen geboren, in Herten aufgewachsen. An die Emscher hat er seine eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen: „Wir waren mit meinem Vater viel mit dem Fahrrad unterwegs, aber die Emscher war verbotene Zone – da stank’s.“ Die Kanäle im Ruhrgebiet hingegen seien das Paradies gewesen: „Da konnte man sich im Sommer hinlegen und auch mal reinspringen, wenn kein Schiff kam.“

Paetzel hat an der Ruhr-Uni in Sozialwissenschaften promoviert, ist dort auch seit 1999 als Dozent für Organisationssoziologie nebenamtlich tätig. Drei Jahre leitete er den Bereich Öffentlichkeitsarbeit/Marketing einer Softwarefirma, bevor der Sozialdemokrat am 1. Oktober 2004 das Amt des hauptamtlichen Bürgermeisters der Stadt Herten antrat. Seit dem 1. Februar ist er der neue Vorstandsvorsitzende der Emschergenossenschaft und des Lippeverbandes (insgesamt 1600 Mitarbeiter).

Uli Paetzel: Mit den großen Bauabschnitten in Oberhausen und Dinslaken gehen wir jetzt ober- wie unterirdisch die letzten Teilstücke an. In Oberhausen entsteht nicht nur ein Pumpwerk in bis zu 40 Metern Tiefe, in Holten wird zudem eine idyllische Auenlandschaft gestaltet. Unser Klärwerk in Dinslaken ist im Umbau, die Mündung in den Rhein wird komplett renaturiert. Hier, aber auch in vielen anderen Abschnitten, ist noch einiges zu tun. Wir werden in den kommenden Jahren noch etwa zwei Milliarden Euro in den Emscher-Umbau investieren. Die Herausforderung besteht darin, diese Maßnahmen genau zu takten. Denn Sie dürfen nicht vergessen: Wir haben noch lange nicht alle Genehmigungen – und manche braucht Zeit. Der Bescheid für die Maßnahme in Oberhausen ist erst zweieinhalb Jahre nach Einreichen unseres Antrages eingetroffen.

Was bedeuten die Baumaßnahmen für die Stadtentwicklung der Anliegerkommunen?

Paetzel: Ganz klar: eine Riesenchance! Bisher war die Emscher ein trennendes Band, ein schmutziges obendrein. Das ändert sich jetzt. Neue Wegeverbindungen kommen hinzu, ebenso Brückenschläge, Natur- und Erholungsräume. Die ökologische Verbesserung unserer Flusslandschaften steigert die Werthaltigkeit der Anliegergrundstücke. Erste Kommunen haben das erkannt und denken über „Wohnen am Wasser“ nach. Die neuen Wege knüpfen übrigens an die Römer-Lippe-Route im Norden und den Emscher-Landschaftspark im Süden an. Das Ganze hat also auch eine wichtige lokaltouristische Komponente!

Die Natur erholt sich. Wann gibt es denn die erste frisch geangelte Forelle nach „Emscher-Art“?

Paetzel: Die Bachforelle ist doch schon zurückgekehrt! Wir haben sie vor einigen Monaten auf dem renaturierten Abschnitt der Emscher in Dortmund nachweisen können. Die Emschergroppe lebt dort auch bereits wieder im neuen Emscher-System. Wichtig ist: Diese Tier- und Pflanzenwelt, die ganze neue Natur, rückt mit rüber in den Westen des Ruhrgebiets, wenn wir mit unseren Arbeiten durch sind. Was die Natur betrifft, zeigt der Emscher-Umbau schon heute deutlich Wirkung. In den 90er-Jahren hatten wir es im Emscher-System mit 160 verschiedenen Arten von Lebewesen zu tun, Muscheln und Schnecken mitgerechnet. Heute sind es 430.

Ihr Vorgänger, Jochen Stemplewski, war stolz, Zeit- und Kostenpläne eingehalten zu haben. Jetzt ruhen an zentraler Stelle die Arbeiten. Eine Baufirma und die Emschergenossenschaft streiten um Geld. Wie gefährlich ist das für das Projekt?

Führungswechsel

Nach 24 Jahren an der Spitze der Emschergenossenschaft blickt Jochen Stemplewski auf eine sich verändernde Stadt. Ein Interview.

Paetzel: Das kann man heute noch nicht seriös beantworten. Es geht um den größten Bauabschnitt unseres Abwasserkanals Emscher, das Stück zwischen Dortmund und Bottrop – und da konkret um Bau-Erschwernisse, und wie die zu bewerten sind. Es gibt unterschiedliche Meinungen. Wir befinden uns in Gesprächen mit dem Auftragnehmer. Ich hätte mir meinen Einstieg auch lieber anders vorgestellt, aber: Ich arbeite daran, das zu lösen! Mein Ziel ist, dass die Bautätigkeiten rasch weiter gehen.

Das Ende des Emscher-Umbaus insgesamt hatte man mit der Landesgartenschau im Jahr 2020 feiern wollen. Den Zuschlag für die Gartenschau hat indes Kamp-Lintfort bekommen. Haben Sie einen Plan B?

Paetzel: Wir feiern trotzdem, soviel ist sicher! Der Emscher-Umbau ist ein enorm aufwändiges Projekt, wir investieren rund viereinhalb Milliarden Euro. Wenn diese Generationenaufgabe abgeschlossen ist, muss man das einfach mit der ganzen Region feiern. Eine Landesgartenschau wäre ein würdiger Rahmen gewesen. Jetzt suchen wir ein neues Format. Wir sind dazu aktuell in guten Gesprächen mit der Landesregierung. Ich denke, dass wir im Laufe des Sommers eine erste Idee präsentieren können.

Die nächsten Baustellen warten schon. Auch die Lippe wird renaturiert. Wie geht es da voran?

Paetzel: An der Lippe haben wir ganz andere Möglichkeiten als an der eng bebauten Emscher. Die Lippe ist NRWs längster Fluss, jetzt soll sie auch der schönste werden. Sie soll Raum bekommen, mäandern dürfen und Auen entwickeln, wo sie keine mehr hat. 48 Kilometer wurden bereits „ökologisch entfesselt“, wie der Fachmann sagt. Als Lippeverband sind wir ja zuständig für den Abschnitt zwischen Hamm und Wesel. Die Lippemündung bei Wesel ist bereits fertig. Pläne für eine „ökologische Entfesselung“ gibt es auch für Hünxe und Schermbeck. Hier befinden wir uns in Gesprächen. Wir wollen die Landwirtschaft mit ins Boot holen, mit ihr gemeinsam Lösungen entwickeln. Keiner soll sich überrumpelt fühlen.

Holger Dumke und Michael Turek

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2016-03-06 21:28
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