Das Neanderland hat sich neu erfunden

Neanderland-Wanderwoche: Wanderrn mit Greifvogel - auch das gibt es im Neanderland.
Neanderland-Wanderwoche: Wanderrn mit Greifvogel - auch das gibt es im Neanderland.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Im Herzen der Neandertaler, locken ringsum zwischen Rhein, Ruhr und bergischem viele weitere Attraktionen

Kreis Mettmann.. Also, hier bleiben einem wirklich keine Zweifel mehr, wo man sich befindet. Rechts geht’s zur Neanderkirche, links zum Neanderbad und hinter der S-Bahn-Unterführung Erkrath-Alt-Hochdahl mit der Aufschrift „Steilste Eisenbahnstrecke Europas bis 1981“ ist die Haltestelle Neanderweg. Zwei steile Kurven abwärts lockt die Neanderstube mit der unvermeidlichen Bergischen Kaffeetafel und allerlei Sorten Beerenwein. Wir sind im Neandertal, und es empfängt uns freundlich – mit Vogelgezwitscher, dem Plätschern der – jawohl – Düssel, und dem Hinweis, dass Parkgebühren nur an Sams-, Sonn- und Feiertagen zu zahlen sind. Also auf ins Herz des Neanderlandes, oder in die Peripherie der Region mit zehn Städten zwischen Rhein, Ruhr und bergischem Land, die auf 407 Quadratkilometern eine geradezu verschwenderische Fülle an touristischen Kleinodien bereithält.

So viele, dass der WDR sich im Mai 2015 mit einer anderthalbstündigen Sendung aus der Reihe „Wunderschön!“ dem Neanderland widmete und es damit in eine Reihe beachtenswerter Reiseziele wie Korfu, La Palma oder Berchtesgaden stellte.

Die sensationelle Entdeckung des Steinzeitmenschen aus dem Neandertal ist schon über 160 Jahre her. Die Idee nun, um dieses museale Herzstück die grandiosen Landschaften, anspruchsvollen Wandersteige, Fahrradstrecken, historischen Ortskerne, industriellen Denkmäler und Freizeitstätten unter einem geschwungenen „N“ als Neanderland zu verbinden, mutet an, so der WDR, als „habe sich die Region gerade neu erfunden“.

Und weil man nicht so recht weiß, wo man im Neanderland anfangen und wo aufhören soll zu entdecken, fragen wir die Expertin Daniela Hitzemann, Sprecherin des Kreises Mettmann, um Rat.

Wohin also, Frau Hitzemann, würden Sie die abenteuerlustige Sportskanone ins Neanderland schicken? „Zur Wasserskianlage nach Langenfeld“, kommt es prompt. Das Gelände besteht aus mehreren Seen im Langenfelder Stadtteil Berghausen nahe der A59, und einer gigantische Sportanlage für Wasserski- und Wakeboard-Fahrer. Für 24 Euro können Erwachsene (Jugendliche 18 Euro) zwei Stunden über die Seenplatte düsen, Anfängerkurse kosten ab 55 Euro (47 Euro), Neoprenanzug und Hinterher-erschöpft-am-eigens-aufgeschütteten-Strand-liegen inklusive, und beim runden Geburtstag kann sogar ein Feuerwerk am See mitgebucht werden.

Wanderer brauchen im Neanderland nicht lange nach Pfaden zu suchen. Im September 2014 wurde der Neanderlandsteig mit 17 Einzeletappen auf 235 Kilometern komplett freigegeben. „Der Steig hat für jeden etwas“, sagt Daniela Hitzemann, „je nachdem, welche Topographie man bevorzugt, geht es im Norden eher rauf und runter, während es im Süden Richtung Hilden, Langenfeld und Leichlingen angenehm flacher wird!“

Düssel als Urzeit-Bächlein

Der Kreis Mettmann mit den Städten Erkrath, Haan, Heiligenhaus, Hilden, Langenfeld, Mettmann, Monheim, Ratingen, Velbert und Wülfrath sei, so Frau Hitzemann, der „am dichtesten besiedelte Kreis Deutschlands“. Wie also schafft es ein Wanderpfad, auf etlichen Kilometern in absoluter Stille (von Flugzeugen Richtung Düsseldorf mal abgesehen) daniederzuliegen? Es geht durch Heiden und Sümpfe, Laubwälder, über Schotterpisten und Schlammpfade, an verlassenen Häusern oder nicht zu Ende gebauten Brückenpfeilern vorbei.

Man blickt in Kalkgruben und läuft an der Düssel entlang, die mancherorts anmutet wie ein Urzeit-Bächlein, unter turmhohen Autobahnstützen, über und über mit Graffiti besprüht, erreicht Dörfer wie Düssel oder Gruiten (sehr schönes Café), staunt über den Wallfahrtskirchen-Betonklotz in Neviges; verirrt sich gegebenenfalls in den Schluchten der Elfringhauser Schweiz aufs Hattinger Stadtgebiet und atmet tief durch an der Monheimer Rheinpromenade. In Planung für den Neanderlandsteig: „Entdeckerschleifen, die in die zehn Neanderland-Städte führen“, sagt Hitzemann.

Wohin mit den Familien ins Neanderland? Na klar, Steinzeit erleben. Im Kernland der Region, dem eigentlichen Neandertal, gibt es für große und kleine Besucher jede Menge zu entdecken, das Wildgehege mit urzeitlichen Tieren wie Wisente, Tapire und Wildpferde, eine Steinzeitwerkstatt (Anmeldung erforderlich), die eigentliche Fundstelle der Knochen des Urzeitmenschen, die mal eine Höhle oberhalb einer später beim Kalkabbau zerstörten Schlucht war, das ovale Museum, eines der bedeutendsten seiner Art in Europa.

Und da steht er vorne im Foyer, grinst und will nicht angefasst werden: Homo Neanderthalensis in Lendenschurz und Beinkleidern, mit leichtem Bauchansatz, kräftigen Schenkeln, flaumigem Brusthaar und Rauschebart. Nebenan in einer Fotokabine vertritt man die kühne These, dass ein Neandertaler, frisch gebadet und rasiert und mit Schlips und Kragen angetan, heute im Straßenbild nicht auffallen würde.

Wer drei Euro in den Automaten wirft, bekommt ein Foto von sich mit veränderten Neandertaler-Merkmalen: ein kleidsam ausgeprägter Hinterkopf, leider auch mit wulstig aufgeblasenen Augenbrauen und fliehendem Kinn.

Gerade in jüngster Zeit hat die Neandertal-Forschung neuen Schwung bekommen, haben Forscher doch in den Genen „höher entwickelter“ steinzeitlicher Menschen Neandertaler-Schnipsel gefunden.

Dies widerspricht der These, der Neandertaler sei ein tumber Neffe der eigentlichen Frühmenschen gewesen, eine entwicklungsgeschichtliche Sackgasse sozusagen, nein, der untersetzte Rheinländer „menschelte“ nicht zu knapp und zeugte das ein oder andere Kind über seine eigene Sippe hinaus. Ein Stück Neandertaler steckt also bis heute in vielen von uns, und das sollten auch die Kinder wissen, bevor sie über den Burschen im Foyer lachen.

Frau Hitzemann, haben Sie auch den ultimativen Tipp für Genießer im Neanderland? Daniela Hitzemann verweist auf unzählige Restaurants, Cafés, Pensionen und Hotels zum Einkehren und es sich gut gehen lassen und nennt stellvertretend „Gut Höhne“ bei Mettmann, wo die Gänge vor den Augen der Gäste zubereitet werden (Live Cooking) und es jeden Sonntag für 35 Euro ein Landgut-Büffet gibt.