Das Fass läuft über

Gladbach..  Es kam alles zusammen für Peter Stöger. In der Nachspielzeit des Fußball-Bundesligaspiels in Mönchengladbach hatte sein Team, der 1. FC Köln, einen mächtigen Tiefschlag bekommen: Den Borussen war der Siegtreffer gelungen, und dann waren Chaoten in weißen Overalls aus dem Kölner Block auf den Rasen gestürmt, um zu provozieren, um Frust zu ventilieren und um Randale zu machen.

„Wer den Fußball liebt, kann mit so etwas nichts anfangen“, stöhnte der Kölner Trainer. „Das ist der bitterste Tag, seit ich hier bin.“ Stöger war frustriert, enttäuscht, genervt, irgendwie alles zusammen, und schon in diesen Sekunden war klar, dass der Klub kurzfristig reagieren musste. Und tatsächlich hat man beim FC nicht lange gefackelt und bereits am Sonntag eine Reihe von Fotos der Randalierer auf die eigene Homepage ins Internet gestellt. „Diese Leute schaden dem FC!“, lautete die Anklage, die zu den Bildern veröffentlicht wurde.

Gestern nun teilten die Kölner mit, man habe nach dem Platzsturm von Mönchengladbach eine erste Fan-Gruppe namens „Boyz“ aus seiner AG Fankultur „mit sofortiger Wirkung“ ausgeschlossen: Ermittelte Täter der etwa 40 Personen umfassenden Gruppierung, so der Klub, würden sanktioniert und in Regress genommen. Es soll ein unbefristetes Stadionverbot ausgesprochen und die Dauerkarten gekündigt werden.

Köln schließt die Fan-Gruppe „Boyz“ aus dem Verein aus

Die Botschaft ist klar: Wir wollen alles tun, um solche Vorfälle zu verhindern und um den DFB gnädiger zu stimmen. Denn dass den Geißböcken noch eine empfindliche Strafe droht – spekuliert wurde sogar schon über ein „Geisterspiel“ – steht ja völlig außer Frage. Wie die Strafe tatsächlich aussehen wird?

Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Irgendwie verdichtet sich der Eindruck, dass der Aufmarsch der Vermummten gerade zum letzten Tropfen in einem übervollen Fass wird. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) von Nordrhein-Westfalen, Erich Rettinghaus, verurteilte die Ausschreitungen scharf: „Das Maß ist mehr als voll und die Zeit der Runden Tische vorbei“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. „Die Kolleginnen und Kollegen der Polizei-Hundertschaften, die keine freien Tage mehr haben und zum Großteil nur noch bei Fußballspielen eingesetzt werden, sind die Ausschreitungen leid.“ Rettinghaus fordert ein tragfähiges Konzept und konkret für die Polizei „die Mittel, das Personal, den Rückhalt und die Ausstattung, um ihre Aufgaben pflichtgemäß zu erfüllen“. Sein Fazit: Die Polizei könne nicht ewig als „Prügelknabe und Ausputzer für eventorientierte Hooligans“ herhalten.

Es ist einiges schief gelaufen in Gladbach. Und es ist beileibe nicht so, als könne sich Borussia Mönchengladbach aus einer Mitverantwortung stehlen. Die wichtigste Frage, die sich stellt, ist offensichtlich: Warum ist nicht verhindert worden, dass Kölner Krawallmacher Unmengen an Pyro-Technik ins Stadion schmuggeln konnten, die sie während der Partie abbrannten und abschossen?

Demgegenüber könne man den Ordnern für die Aktionen nach dem Abpfiff kaum etwas vorwerfen, findet zumindest Arnold Plickert, der NRW-Vorsitzende der Polizei-Gewerkschaft (GdP), gegenüber der Rheinischen Post: „Solche Leute in den Griff zu bekommen, ist Aufgabe der Polizei – und die hat eingegriffen, als es nötig war.“

Schlechte Terminierung

Ganz sicher muss sich die Deutsche Fußball Liga (DFL) einen unnötigen Fehler ankreiden lassen. Ein Hochsicherheitsspiel an einem Karnevalswochenende anzusetzen, an dem kostümierte Fans nichts Ungewöhnliches sind, ist wenig durchdacht. Immerhin: So etwas soll nicht wieder vorkommen. Man werde bei der Terminierung künftig „noch sensibler vorgehen“, hat der scheidende Geschäftsführer Andreas Rettig schuldbewusst versprochen.