„Dann misch einfach mit!“

An Rhein und Ruhr..  So recht zugetraut hat Sophia Giannakis sich das mit der Politik zuerst nicht. Einen Ruck musste sich die 17-Jährige geben, um bei der Wahl des Düsseldorfer Jugendrats anzutreten. Nun, nach mehr als einem Jahr im Amt der stellvertretenden Sprecherin ist sie begeistert. „Man hat so viele Möglichkeiten, etwas zu verändern“, sagt die Abiturientin. „Ich liebe einfach dieses Mitmischen!“

Mit 30 weiteren gewählten Mitgliedern zwischen elf und 21 Jahren setzt sich Giannakis für die Belange der Jugendlichen ein, hobbymäßig neben der Schule. So funktioniert das in vielen nordrhein-westfälischen Kommunen. Etwa alle acht Wochen trifft sich der Jugendrat im Rathaus. Sie tragen Anzüge, im Publikum sitzt eine Schulklasse - wie bei einer richtigen Ratssitzung. Nur, dass das letzte Wort die Erwachsenen haben, die Politiker. Die Jugendräte sind in den Ausschüssen als beratende Mitglieder vertreten. Ihre Ideen leiten sie als Anträge an die Politiker weiter, die dann darüber entscheiden.

Das letzte Wort habeneben die Erwachsenen

Aktiv und heftig debattiert der Jugendrat drei Stunden lang. Man merkt, sie nehmen ihre Aufgaben ernst. Wie können mehr öffentliche Räume für Graffiti-Maler geschaffen werden? Wie sehen die Ergebnisse der Jugendbefragung aus? Wo haben Jugendliche Probleme? Als es ums Thema Geld geht, ist ein Ratsmitglied entgeistert: „Warum gibt es eigentlich Geld für den Kö-Bogen, aber nicht für uns Jugendliche?“ Das letzte Wort haben eben die Erwachsenen. Die anderen beruhigen ihn, jetzt sind andere Themen wichtig: Flüchtlinge und öffentliche Verkehrsmittel, Giannakis’ Spezialthema. Überfüllte Bahnen zu Schulzeiten und veränderte Nachtfahrpläne beschäftigen die Jugend. Zur Ratssitzung hat sie einen Vertreter der Rheinbahn eingeladen, um dem Problem auf den Grund zu gehen.

Nur selten muss Jugendrats-Geschäftsführer Joachim Möntmann, einer der wenigen Erwachsenen im Saal, eingreifen. „Politik bedeutet Auseinandersetzung. Das machen sie intensiver und respektvoller als Erwachsene“, sagt er. Politikverdrossenheit der Jugend, daran glaubt er nicht. „Man muss ihnen nur Raum geben, sich zu engagieren“, ist Möntmann überzeugt.

Der Düsseldorfer Jugendrat hat einiges bewegt. Lea Sikan hat durchgesetzt, dass Jugendliche unter 21 einmal wöchentlich in Museen unter städtischer Trägerschaft freien Eintritt haben. „Richtig geile Sache“, sagt ein Ratsmitglied klatschend. Die 18-Jährige will einen „zwanglosen Umgang der Jugendlichen mit Kultur“. Sonntags machen sie nun Aktivitäten mit Flüchtlingen. Auch dieses Thema liegt Giannakis am Herzen. „Wir haben bereits ein Flüchtlingsheim besucht und uns über deren Situation informiert.“

Strukturen und Etatvariieren stark

Laut Katharina Fournier von der Servicestelle Kinder- und Jugendbeteiligung NRW gibt es in NRW rund 60 gewählte, kommunale Jugendgremien. Doch Strukturen und Etat variieren stark. In Düsseldorf haben die Jugendlichen im Jahr rund 40 000 Euro zur Verfügung und werden betreut - eine Ausnahme.

Etwa 40 der NRW-Jugendgremien, so auch der Düsseldorfer Jugendrat, sind seit 2006 im Kinder und Jugendrat NRW (Kijurat) vertreten. Dort finden sie eine Diskussionsplattform und bündeln ihre Interessen. Ganz ohne Erwachsene, denn der Kijurat hat keinen Funktionär. Jahrelang setzte sich der Rat für mehr Mitspracherecht ein. „Die Stimme der Jugend hat keinen hohen Stellenwert“, bemängelt Julian Bachert (18) vom Jugendrat Ratingen im Kijurat. „Es kann nicht sein, dass Fast-Rentner Politik für Jugendliche machen“, sagt er. Die Servicestelle konnten sie durchsetzen, ein eigener Etat der Kijurats steht noch aus.

Alle zwei Jahre werden fünf Kijurat-Sprecher gewählt. Im Landtag sind sie bei Anhörungen dabei und werden um Stellungnahmen zu jugendrelevanten Themen gebeten. Doch die Nachwuchspolitiker wünschen sich mit der Landesschülerinnenvertretung und dem Landesjugendring, fest an den Landtag angebunden zu werden - etwa über einen Jugendbeirat. „Das wäre einmalig in Deutschland“, sagt Kijurat-Sprecher Jean-Pierre Hecht (18).

Bei der Kijurat-Sitzung ist auch Uwe Schulz, Referatsleiter im nordrhein-westfälischen Jugendministerium, anwesend. „Der Kijurat hat sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren als eine weitere Stimme der jungen Menschen etabliert und auch Bedeutung erlangt“, sagt Schulz. In NRW sehe das Gesetz vor, Kinder- und Jugendliche weitreichend in politische Entscheidungsprozesse einzubinden. „Die dabei vorhandenen Spielräume werden vor Ort mal weiter, mal enger ausgelegt.“

Daher ist Sophia Giannakis’ großes Ziel, mehr Jugendliche für Politik zu begeistern. Ihre Botschaft: „Wenn du etwas verändern willst, dann misch einfach mit!“

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