Bis morgen krankgeschrieben

Dü.  Wohl selten ist über eine Krankenakte mehr spekuliert worden als über die von Andreas Lubitz. Sie liegt seit gestern bei der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, über die Inhalte ließ die Behörde sich zunächst nichts entlocken. Die Vernehmungen in dieser Sache sowie die Auswertung von Behandlungsunterlagen würden noch einige Tage dauern, erklärte Staatsanwalt Christoph Kumpa am Mittag Journalisten. Sobald belastbare Erkenntnisse vorlägen, werde die Behörde die Angehörigen und die Öffentlichkeit weiter informieren.

Der Berliner „Tagesspiegel“ behauptete am Mittag, der 27-jährige Co-Pilot der Germanwings-Maschine sei am Düsseldorfer Universitätsklinikum wegen Depressionen in Behandlung gewesen. Lubitz, der bei seinen Eltern in Montabaur gemeldet ist, hatte eine Wohnung in der Landeshauptstadt gemietet. Wie berichtet, steht der Verdacht im Raum, er könnte eine psychische Erkrankung vertuscht haben.

Die Klinik bestätigte zwar, dass Lubitz dort Patient war, im Februar und zuletzt am 10. März 2015. „Meldungen, wonach Andreas L. wegen Depressionen in unserem Haus in Behandlung gewesen sei, sind aber unzutreffend“, erklärte Sprecherin Susanne Dopheide. Er sei wegen „diagnostischer Abklärungen“ im Haus gewesen. Einzelheiten unterlägen der ärztlichen Schweigepflicht.

„Wir möchten unsere Betroffenheit, unser Entsetzen und unsere Fassungslosigkeit über das Unglück zum Ausdruck bringen“, fügte Professor Dr. Klaus Höffken hinzu, der ärztliche Direktor des Klinikums. Man habe die betreffende Akte der Staatsanwaltschaft übergeben, deren Arbeit man „nachdrücklich und vorbehaltlos“ unterstütze. „Bild“ berichtete gestern unter Berufung auf „Lufthansa-Kreise“ von psychischen Problemen des Germanwings-Mitarbeiters. Er sei während seiner Ausbildung an der firmeneigenen Flugschule zeitweise als „flugunfähig“ gelistet worden. In seiner Piloten-Lizenz sei eine gesundheitliche Beeinträchtigung vermerkt gewesen. Ein Sprecher von Germanwings sagte „Spiegel online“, das Unternehmen habe keine Hinweise auf eine psychische Erkrankung gehabt. „Der Betreffende hätte selbst auf uns zukommen oder seinen Arzt von der Schweigepflicht entbinden müssen.“ Zudem sei Andreas Lubitz ja als flugtauglich eingestuft gewesen. Nach „Spiegel“-Informationen war Lubitz vom 16. bis 29. März krankgeschrieben.

Gewaltige Lust am Fliegen

Studien zufolge kommen Millionen Arbeitnehmer in Deutschland hin und wieder krank zur Arbeit. Manche aus Angst vor ihrem Arbeitgeber, manche aus falsch verstandenem Arbeitsethos oder Karrierestreben. Ein ungesunder „Volkssport“, der normalerweise vor allem den Kranken selbst gefährdet. Hans-Werner Teichmüller, Präsident des Fliegerarzt-Verbandes, warnt allerdings vor voreiligen Schlüssen: „Noch wissen wir nicht genau, welche Krankheit er hatte. Es kann ja auch etwas ganz anderes gewesen sein als das, was alle im Moment glauben.“

Gerade die gewaltige Lust am Fliegen könnte Piloten nach Einschätzung der Züricher Arbeitspsychologin Gudela Grote dafür anfällig machen, Krankheiten zu verschweigen: „Viele Piloten sind absolut verrückt nach Fliegen und tun alles dafür, damit sie weiterfliegen können.“ Sollte der Germanwings-Copilot an einer schwerwiegenden oder chronischen Erkrankung gelitten haben, so wäre dies im Fall des Bekanntwerdens „das sofortige Ende seiner Fluglaufbahn gewesen, die er sich ja wohl sehr erkämpft hat“, meint Grote. „Wenn er offensichtlich ein so stolzer Flieger war, dann wäre das wahrscheinlich das Ende seines Lebenstraums gewesen.“

Ist das Bild vom „Helden der Lüfte“ nun zerstört? Der Arbeitspsychologe Dietrich Manzey fände es gar nicht so schlecht, wenn die öffentliche Wahrnehmung zumindest ein wenig geerdet würde. „Piloten sind hochleistungsfähig, aber keine Übermenschen. Sie haben auch Lebenskrisen. Sie haben manchmal Alkoholprobleme oder depressive Phasen. Dagegen sind die Piloten natürlich auch nicht gefeit.“ Das bedeute aber keineswegs, dass man keinem Piloten mehr trauen könne. Schließlich gehe es um einen ganz seltenen Einzelfall.