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Warum Bernd Stelter Karneval auf Krankenschein fordert

04.02.2016 | 01:00 Uhr
Warum Bernd Stelter Karneval auf Krankenschein fordert
Bernd Stelter hat lange darüber nachgedacht, wie er mit dem Thema Flüchtlingskrise im Karneval umgehen möchte.Foto: Volker Hartmann

Köln.   Im Interview spricht der Kabarettist über die Chefkritikerin seiner Reden, seine Frau, und den Umgang mit schwierigen Themen im Karneval wie der Flüchtlingskrise.

Seit fast 30 Jahren gehört Bernd Stelter zum Karneval wie der Hoppeditz zu Düsseldorf und das Trömmelsche zu Köln. Im Interview spricht er über die Chefkritikerin seiner Reden und den Umgang mit schwierigen Themen im Karneval.

Was macht Karneval für Sie aus?

Bernd Stelter: Im Karneval geht man raus und trifft Leute. Man singt, tanzt, lacht. Dinge, die man normalerweise nicht tut. Heutzutage haben sich viele hinter ihrem Schreibtisch verbarrikadiert. Die Leute kommunizieren nur noch übers Netz. Wenn wir positive Bilder sehen, geht es uns gut. Im Karneval sind wir von schönen Bildern umgeben. Man lacht, und Lachen ist ein Selbstzweck. Lachen macht, dass es uns gut geht. Karneval sollte es also auf Krankenschein geben.

Sie haben mal gesagt, dass es mit dem Karneval manchmal Überhand nimmt. Er beginnt, da hätten sie noch die Tannennadeln zwischen den Zehen. Wann beginnt der Karneval denn für Sie?

Stelter: Da kommt der Westfale in mir durch. In diesem Jahr ist die Session so kurz, da war die erste Sitzung schon am 2. Januar. Da ist man noch im Weihnachtsmodus. Und plötzlich haben die Leute bunte Mützen auf dem Kopf, und dann geht’s rund. Ich brauche schon zwei Tage, bis ich kapiert habe, dass es jetzt los geht.

Vorbereiten muss man sich aber schon ab dem 11.11. und überlegen, was man machen will. Ich ändere meine Rede eigentlich erst am 1. Januar. Geschrieben wird vom 15. Dezember bis Silvester.

Wie entsteht Ihre Rede?

Ein Mann und seine Gitarre: Musik gehört bei Bernd Stelter immer dazu. Foto: Marius Becker/dpa

Stelter: Ich habe früher mal gedacht, es müsste einen die Muse küssen. Das ist zum Glück aber nicht so und würde auch nicht gehen. Es gibt Tage, da muss man morgens aufstehen und schreiben. Wenn ich auf Tournee bin, setze ich manchmal nach den Auftritten hin und schreibe in der Nacht. Für Karneval mache ich einen Jahresrückblick. Man notiert sich schon über das Jahr Themen. Diesmal VW, die Fifa, die schönen Kleinigkeiten wie die fünfte Ehefrau von Peter Maffay. Mir war aber auch schnell klar, dass ich zur Flüchtlingsproblematik etwas sagen will.

Ein schwieriges Thema für Ihren Berufsstand. Wie politisch darf der Karneval denn sein?

Stelter: Bei mir sehr. Ich will nicht über nichts reden. In 2014 hat ISIS alles überlagert, jetzt ist die Flüchtlingsfrage hinzugekommen, so dass es auch Kollegen gibt, die meinen, da könne man im Karneval nicht drüber reden. Es müssten leichte Gags sein. Mir würde das nicht reichen. Ich sehe mich als Kabarettist in der Bütt, und ich muss dann auch Stellung beziehen. Der Narr muss den Leuten den Spiegel vorhalten. Wenn er das nicht tut, ist er kein Narr, sondern ein Witzeerzähler, und das will ich nicht sein.

Ist der Karneval in den vergangenen Jahren unpolitischer geworden?

Stelter: Nein, im Gegenteil. Ich denke, wenn man sich die Reden vergangener Jahre anhört und schaut, was zum Beispiel Guido Cantz und ich heute machen, dann ist er eher politischer geworden. Die Zahl derer, die sich an schwierige Themen trauen, war schon immer klein. Ich kann aber natürlich auch Themen weglassen. Ich werde nicht über ISIS reden. Das ist eine Mörderbande, und damit ist das nicht mein Thema.

Über die Flüchtlingskrise zu sprechen, ist im Karneval doppelt schwer. Die Auftritte sind kurz, da muss jeder Gag zünden.

Stelter: Es ist in diesem Fall kein Gag. Es ist ein Statement. Zünden muss es aber trotzdem. Ich setze mich damit sicher bei vielen in die Nesseln. Aber wer sich nie in die Nesseln setzt, der hat eine schlechte Durchblutung. Ich möchte über die Flüchtlingsfrage keine Witze machen. Silvester in Köln war eine entscheidende Zäsur. Ich möchte ausdrücken, dass man die Leute, die vor Krieg und Terror fliehen, nicht einfach gleichsetzen darf mit den Straftätern von Köln. Mir geht es um die Reaktion, überall in Europa Zäune und Grenzen hochzuziehen. Mauern hatten wir aber schon. Ich finde es gut, dass wir in Deutschland „ä fründlich Jesicht“ gemacht haben, wie man im Rheinland sagt. Aber dieses freundliche Gesicht, das dürfen wir auch von den Flüchtlingen erwarten. Achtung vor Frauen gehört dazu, und wem das nicht passt, der kann gleich wieder gehen. Den anderen, „herzlich willkommen“.

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Glauben Sie, dass der Karneval helfen kann, dieses Problem zu bewältigen.

Stelter: Nein, damit würde man den Karneval überfrachten. Wir sollten im Karneval rausgehen, fröhlich sein und feiern. Und zwar ganz bewusst unsere Lebensart, auch wenn andere meinen, uns da im Lebensnerv treffen zu können. Viele haben mich gefragt, ob man in so einer Zeit überhaupt Karneval feiern darf. Ich sage nicht „wir dürfen“, sondern „wir müssen“.

Was sagen Sie Menschen, die Angst haben, Rosenmontag zum Zug zu gehen?

Stelter: Diese Angst ist natürlich da. Aber die ist doch auch an jedem Bahnhof vorhanden. Ich werde am Rosenmontag dabei sein und einen bunten Zug anschauen. Weil ich mir das nicht nehmen lassen will. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Vorm Tauchurlaub in Hurghada hätte ich aber mehr Angst.

Karneval ist unglaublich dynamisch und dauert Wochen. Bauen Sie in Ihre Rede Sollbruchstellen ein, um im Zweifel sofort aktualisieren zu können?

Stelter: Ich aktualisiere permanent. Wenn etwas mittags passiert, ist es vielleicht abends schon im Programm. Ich könnte aus dem Stand eine aktuelle Rede von 40 Minuten halten.

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Bekommen Sie Ihre Frau zwischen 2. Januar und Aschermittwoch überhaupt noch zu Gesicht?

Stelter: Natürlich. Ich leide ja unter seniler Bettflucht, stehe früh morgens auf, gehe an den Computer und schaue, ob es etwas Neues gibt, was man schreiben muss. Meine Frau schläft meist ein Stündchen länger. Wir frühstücken dann zusammen, und erst nachmittags fahre ich los. Gegen Mitternacht bin ich wieder zu Hause, meine Frau hat das Dschungelcamp für uns aufgenommen und dann schauen wir gemeinsam, was es da so Neues gibt.

Ist Ihre Frau auch so jeck wie Sie?

Stelter: Sie ist das genaue Gegenteil. Sie geht höchstens auf eine Sitzung mit. Aber sie interessiert sich sehr für meine Rede, und als erste Kritikerin ist sie da sehr involviert.

Muss Ihre Rede auch als erstes von ihr abgesegnet werden?

Stelter: Ja, beim Frühstück. Zu 90 Prozent nehme ich ihre Kritik an. Aber es gibt auch Dinge, bei denen ich mich auf mein Bauchgefühl verlasse.

Hat das Bauchgefühl auch schon versagt?

Stelter: Klar, 100 Mal. Vor 20 Jahren gab es mal eine Mon-Cherie-Werbung, auf die ich eine Parodie gemacht habe. Ich fand das unglaublich lustig, aber es hat niemand sonst darüber gelacht.

25 Jahre verheiratet mit einem Karnevalsprofi. Muss Ihre Frau sich Sorgen machen bei 200 Auftritten in der Session, darunter so manche Damensitzung?

Stelter: Meine Frau sagt immer, wenn ich keiner mehr hinterherschaue, könne man mich notschlachten. Ich bin sehr glücklich verheiratet. Man kann mich bützen, das gehört im Karneval dazu. Aber hinterher fahre ich wieder nach Hause.

Stelter liebt Köln und den Karneval. Dabei kommt er aus Unna und lebt in Bornheim bei Bonn. Foto: Volker Hartmann

Sie wohnen in Bornheim. Eine Stadt, die zuletzt ein Schwimmbadverbot für männliche Flüchtlinge ausgesprochen hat.

Stelter: Bornheim hat eine Erklärung zu Beginn der Flüchtlingskrise initiiert. Diese Erklärung ist Willkommenskultur pur. Wenn sich aber Frauen beschweren, weil sie sich im Schwimmbad belästigt fühlen, dann muss die Kommune unbedingt reagieren. Wenn sich Menschen nicht integrieren wollen, wenn sie sich nicht an Regeln halten, muss man Maßnahmen ergreifen.

Sie haben mal gesagt, dass auch sie als Kabarettist ständig kämpfen müssen, Ihren Optimismus nicht zu verlieren. Wie machen Sie das?

Stelter: Ich lese immer in der Zeitung, ich sei eine rheinische Frohnatur. Dabei komme ich gar nicht hier her. Ich bin gebürtiger Westfale und ein Glück auf ist mir ebenso nah wie ein Alaaf. Ich bin humorvoll, aber zu den Typen, die morgens wach werden und fröhlich sind, gehöre ich nicht. Sonst wäre meine Frau mit Sicherheit auch schon geschieden.

Um seinen Optimismus nicht zu verlieren empfehle ich folgendes: Fernseher aus! Man darf sich von den Nachrichten den ganzen Tag nicht verrückt machen lassen. Wir machen morgens das Radio an und hören alle halbe Stunde Nachrichten. Da muss man ja durchdrehen. Wer mit Freunden in die Kneipe geht: Alle Mann die Handys in die Mitte und wer als Erster dran geht, bezahlt. Keiner geht mehr ans Handy und es wird ein richtig schöner Abend. Und es braucht positive Bilder. Die finden draußen statt. Leute treffen, nicht anklicken!

Sie sind jetzt 54. Denken Sie schon an ein Ende der Zeit auf der Bühne? Und was soll der letzte Satz sein, mit dem Sie abtreten?

Stelter: Meine Grenze ist eindeutig. Jopi Heesters hat mit 108 Jahren noch auf der Bühne gestanden. Ich kann den Leuten versprechen: Viel länger mache ich auch nicht. Ich werde mit dem Satz aufhören, bei dem ich auf der Bühne umfalle. Ich werde nie Schluss machen.

Felix zur Nieden

Kommentare
04.02.2016
11:54
Warum Bernd Stelter Karneval auf Krankenschein fordert
von Seajak | #4

Brauche ehr einen Krankenschein wenn ich Bernd Stelter sehe.......

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Warum Bernd Stelter Karneval auf Krankenschein fordert
Warum Bernd Stelter Karneval auf Krankenschein fordert
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2016-02-04 01:00
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