Baby wurde zu Tode geschüttelt

Der Angeklagte R. wird in den Gerichtssaal geführt. Er soll seinen Sohn zu Tode geschüttelt haben.
Der Angeklagte R. wird in den Gerichtssaal geführt. Er soll seinen Sohn zu Tode geschüttelt haben.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Prozess in Kleve: 30 Jahre alter Mann aus Xanten steht wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht. Er soll auch seine anderen Kinder misshandelt haben

Kleve..  Ein verkorkstes Leben spult sich da zäh und düster im Saal A 105 des Klever Landgerichts ab. Geduldig hakt der Vorsitzende Richter Ulrich Knickrehm beim Angeklagten Sebastian R. nach, will nicht, dass der junge Mann sich rauswindet mit Antworten wie: „Ich habe nicht drüber nachgedacht“ ... „Ich weiß es nicht mehr“ ... „Es ist mir nicht aufgefallen“. Irgendwann, nach zwei Stunden, wird der Kammervorsitzende doch laut, hält das Bild eines kleinen Mädchens hoch, die Wange blaugrün angelaufen: „Wenn man das sieht, dann kann man als Vater doch nicht vorbeischauen!“, donnert er.

Es ist der erste schwere Tag im Prozess um einen 30 Jahre alten Mann aus Xanten, der angeklagt ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge, zusätzlich wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener. Laut Staatsanwaltschaft überlebte eines seiner drei leiblichen Kinder die Tat nicht. Es starb am 25. August 2014 in einer Klinik an Hirnschäden, hervorgerufen durch ein Schütteltrauma. Nils wurde vier Monate alt.

Und nicht nur das – auch Nils Zwillingsbruder, Nick, soll am selben Tag, dem 11. Juli 2014, von seinem Vater in der Wohnung in Xanten geschüttelt worden sein. Doch Nick überlebte die Einblutungen in den Hirnbereich und die Hämatome. Bereits zuvor soll Sebastian R. dem dreijährigen Sohn seiner Lebensgefährtin und ihres Ex-Mannes ins Gesicht geschlagen und seiner kleinen Tochter im August 2013 den Oberschenkel gebrochen haben. Da war die Kleine nicht mal vier Monate alt.

Was ist das für ein Mann, dem solche Grausamkeit vorgeworfen wird? In Handschellen wird er hereingeführt und sieht so unspektakulär aus in seiner Strickjacke und den Turnschuhen, im blassen Kindergesicht sprießt der Versuch eines hippen Kinnbartes. Die Mutter seiner Kinder, die als Nebenklägerin auftritt, schaut ihn nicht an. Sie wird den Saal verlassen, bevor er seine Aussage macht.

Sebastian R. sagt zwar aus, doch ein Geständnis ist es nicht, eher eine Rechtfertigung. An jenem Tag sei seine Partnerin bei einer Freundin gewesen. Die beiden älteren Kinder lädt er vor dem Fernseher ab, in ihrem Zimmer, das waren sie anscheinen gewohnt. Nils habe geschrien. Er habe die Zwillinge gefüttert, gewickelt, schlafen gelegt. Nick will er nicht angerührt haben. Dann habe er nach Nils geschaut. Das Baby sei blau angelaufen gewesen und habe nicht geatmet. Da habe er es genommen und „feste geschüttelt“, um es „wach zu bekommen“. „Zeigen Sie mal, wie feste“, bohrt der Richter. Der Angeklagte macht eine heftige Bewegung mit den Händen, bricht ab, senkt den Kopf. „Und was hat der Kopf des Kindes gemacht“, beharrt der Richter. „Was macht der Kopf eines Kindes, wenn man es so schüttelt...?“

Es ist quälend, zuzuhören. Wie zwei Menschen aneinandergeraten, die sich nicht guttun können. Sebastian R. schildert Konflikte im Elternhaus, eine mäßige Schullaufbahn. Als er eine Lehrstelle in Aussicht hat, bricht er die zehnte Klasse Hauptschule ab. Dann wird mit der Lehrstelle nichts, und er „hängt rum“, fliegt zu Hause raus, macht Party, gerne mit der Droge Extasy. Er schafft eine Kochlehre, arbeitet in einer Metzgerei und fliegt, weil er zwei Kilo Putenfleisch klaut.

Jane U. kennt Sebastian R. aus der Schule, über Facebook nehmen sie 2012 erneut Kontakt auf, da ist er 27 und sie verheiratet und bereits Mutter von vier Kindern. Das Kleinste, Leon, ist gerade ein Jahr alt, da trennt sie sich von ihrem Mann, nimmt den Kleinen mit und die drei ziehen zusammen auf anderthalb Raum und träumen von einer großen Familie. Doch an Wochenenden, wenn ihre vier Kinder alle da sind in einem Raum, dann wird es für ihn „die Hölle“, der er sich entzieht – mit PC-Spielen, Kopfhörern und lauter Musik und Drogen. Die Überforderung ist greifbar. Als sie wieder schwanger wird, freuen sich beide.

Speed als Muntermacher

Die Familie zieht um nach Xanten, ein kleines Mädchen wird geboren. Mehr Platz ist da, man lebt von Gelegenheitsjobs, Unterhalt, Kindergeld, Hartz 4. Dem Angeklagten zufolge über 1000 Euro, genug, um zunehmend Drogen zu ordern, die bald seinen Tagesablauf, aber auch mehr und mehr den seiner Freundin bestimmt hätten. Er habe Speed (Amphetamine) konsumiert, um „besser drauf zu sein, ruhig bleiben zu können“. „Speed“ bedeute aber etwas anderes, wirft Richter Knickrehm ein. Ja, sagt Sebastian R., man habe auch besser wach bleiben können, um die Kinder zu versorgen. An manchen Tagen, so gibt er zu, sei man allerdings so mit sich und den Drogen beschäftigt gewesen, dass sie die Kinder einfach vergessen hätten.

An einem Tag habe er beim Wickeln seiner strampelnden Tochter das Bein so festgehalten, dass es „geknackt“ habe. Das Baby habe „sowieso immer“ geschrien. Den kleinen Leon habe er „versehentlich“ vor den Bettpfosten gestoßen, der habe ein blaues Auge bekommen. Dann wird seine Freundin noch einmal schwanger. Es sind Zwillinge und sie will auch diese Kinder, er fügt sich. Im April 2014 sind sie da, zwei Säuglinge mit einem 24-Stunden-Bedarf nach Versorgung und Zuwendung.

Das Jugendamt hat die Familie im Blick, aber Sebastian R. kann weismachen, dass das blaue Auge des kleinen Leon vom Sturz auf ein Spielzeug herrührt. Die alte Beinfraktur der Tochter, im Krankenhaus entdeckt, hat keine Konsequenzen. Es gibt Kontrollbesuche, auch als die neuen Babys da sind, ohne Folgen.

Der Pathologe Dr. Lars Althaus aus Duisburg wird an diesem Tag noch aussagen. Er hat das Baby Nils obduziert und festgestellt, dass es mit Ausnahme des Schädel-Hirn-Traumas ein organisch gesundes Kind war. Nichts deute darauf hin, dass Nils etwa durch eine Vorerkrankung an Atemnot und Bewusstlosigkeit gelitten habe. Das Kind müsse „längere Zeit heftig geschüttelt worden sein“, um diese Symptome zu zeigen.