Baby Namenlos und der Ziegenhirte

Kathmandu/Kaping..  Dem alten Mann fällt der Anstieg schwer. Der Weg ist auch verdammt steil. Sant Bahhadur stützt sich auf seinen Stock, atmet durch. Er ist fast 90, sieht nur noch auf dem rechten Auge, hört nicht mehr viel, aber er erinnert sich gut. Auch an das Jahr 1934, da hat er als Hirtenjunge das letzte große Beben in Nepal erlebt. Auch damals starben 10 000 Menschen. Dann hat er die Zeit des Wiederaufbaus gesehen. Mühsame Jahre. Und jetzt ist wieder alles hin. 90 Häuser in dem kleinen 500-Seelen-Dorf östlich von Kathmandu sind unbewohnbar, im ganzen Land sind es eine halbe Million. Der Alte dreht sich um, blickt hinüber zur zerstörten Schule, er wirkt traurig. Er weiß eben aus Erfahrung, wie steinig der Weg ist, der jetzt vor den Nepalesen liegt.

An gutem Willen allerdings mangelt es nicht. In einem Zeitungsbericht ist von „unbesungenen Helden“ die Rede, gemeint ist damit die Jugend der Hauptstadt Kathmandu, die wie überall auf der Welt von den älteren Semestern gerne als „vergnügungssüchtig“ und „frech und faul“ beurteilt wurde. Gleich nach dem Beben aber nahmen Abertausende von jungen Leuten die Schüppe und die Sache in die Hand, zogen los, und bargen und halfen in beeindruckender Manier. Auch jetzt sieht man die Freiwilligen noch in Dörfern des Umlands Schutt wegräumen, auch hier am Fuße des Himalaya koordinieren sie ihre Hilfe durch Facebook und Twitter.

Viele Ausländer haben geholfen. Svenja Winkelmann (30) aus Berlin etwa, sie hatte Nepal schon lange als Urlaub gebucht, ist dann trotz der Mahnungen der Freunde geflogen, hat das zweite Beben in einem Dorf miterlebt und konnte so effektiv und wunderbar helfen, weil sie Sanitäterin bei der Bundeswehr ist. „Wir haben 30 bis 40 Leute am Tag behandelt. Viele Schwerverletzte. Nicht alle haben überlebt.“ Wenn sie Urlaub bekommt, will sie im August wiederkommen. „Weil ich mich in Land und Leute verliebt habe.“

Wiederkommen ist ein großes Thema in Kathmandu. Von der Rückkehr der Touristen (im Vorjahr 800 000) hängt so viel ab. In Thamel, dem Stadtteil der Reisenden, ist es viel zu ruhig. Die Hotels werben im Fenster eindringlicher für die Festigkeit der Gebäude als für WLAN, „Keine Risse“ steht dann da, damit Urlauber voller Vertrauen ihren Kopf hier betten.

Auch ohne die Beben wäre jetzt keine Hochsaison, in der Regenzeit macht Trekking wenig Vergnügen, aber danach, ab September, da muss es wieder brummen in Kathmandu. Sonst – verliert zum Beispiel Uddhav seinen Job im Andenken-Laden. Als guter Geschäftsmann redet er die Schäden klein. „Alles geht. No problem.“ Sonst – wird auch Jamyang Sherpa sein Restaurant „Weizen bakery“ schließen müssen, für das er mit deutschem Brot wirbt. „Noch zahle ich meinen Kellnern und Köchen den vollen Lohn. Obwohl ich 60 bis 70 Prozent weniger Einnahmen habe. Wenn die Touristen nicht wiederkommen, dann...“ Sie alle hoffen, dass die europäischen Regierungen die Reisewarnungen aufheben. Die Schweizer, Bergverwandte sozusagen, haben das schon getan, das Auswärtige Amt in Berlin zögert noch.

Ganz ungefährlich ist das Reisen im Land auch noch nicht. Etwa in Bhaktapur, einer Tempelstadt, einem Weltkulturerbe, stehen in der Altstadt zwischen den gewaltigen Schutthaufen einzelne Häuser so schräg und wackelig, dass man sich ihnen gar nicht mal nähern mag. Auf den Dächern anderer wird gearbeitet, richtig geklotzt, da fliegen die Fetzen und manchmal zersplittern die entsorgten Steine auch nur wenige Meter neben ahnungslosen Passanten.

200 Menschen sind allein in Baktapur gestorben. Und gerade herrscht in einer der Ruinen Aufregung, weil man unter den geborgenen Trümmern schon wieder eine Leiche gefunden hat. Die offizielle Todeszahl in Nepal bisher wurde am Morgen mit 8668 angegeben, sie steigt noch täglich. Ein Drittel der Todesopfer waren Kinder und es bedarf großer Anstrengung, dass diese Zahl nicht weiter steigt. Denn etwa eine Million Kinder sind auf Unterstützung angewiesen.

Christoph Dehn ist aus Duisburg angereist, um sich ein Bild von dieser Situation der Jungen und Mädchen zu machen. Er sitzt im Vorstand der Kindernothilfe. Und er sieht wie wichtig die Arbeit ist. „Wir haben bisher 285 000 Euro für unsere Partnerprojekte vor Ort ausgegeben, für Nepal sind zwei Millionen eingeplant.“ Alles Weitere – auch eine Frage der Spendenbereitschaft.

Sant Bahhadur, der Alte auf dem Berg mit dem traurigen Blick, er stand am Anfang dieser Reportage. Das Ende gehört dem jüngsten Gesprächspartner, gerade einen Tag alt. Ein Mädchen. Baby Namenlos, denn in Nepal werden Kinder erst nach elf Tagen „getauft“. Tradition. Wir sind jetzt im zweiten Stock der einzigen Geburtsklinik in Kathmandu. Auch hier ist die Kindernothilfe präsent, berät Schwangere, gibt jungen Müttern Tipps etwa zum Stillen.

In einem der Räume liegen gleich zwölf Frauen mit ihren Neugeborenen. Und Baby Namenlos ist nicht mehr zu halten: Es schreit ein so langgezogenes „Bääääh“ in den Raum und in die Welt hinein, dass allen warm ums Herz wird. Baby Namenlos singt uns das Lied von der Zukunft.