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Junge Spanier und Griechen suchen ihre Zukunft im Ruhrgebiet

28.12.2012 | 18:35 Uhr
Junge Spanier und Griechen suchen ihre Zukunft im Ruhrgebiet
Sie sprechen mit Händen und Füßen, lernen bei der Auslandsgesellschaft in Dortmund aber Deutsch: (v.l.n.r.) Maria, Adam, Pablo, Panagiotis, Dimitris, Elena, Sofia und Andreas. Foto: Jakob Studnar

Ruhrgebiet.   Immer mehr junge Menschen aus Spanien und Griechenland wollen im Ruhrgebiet arbeiten. Die Krise und die hohen Arbeitslosenquoten in ihren Heimatländern treiben sie nach Deutschland. Hierzulande werden hingegen Fachkräfte dringend benötigt.

Die Krise in ihren Heimatländern treibt sie auf den deutschen Arbeitsmarkt, auch ins Ruhrgebiet: Junge Menschen vor allem aus Spanien und Griechenland, die bei einer Arbeitslosenquote von mehr als 25 Prozent – bei Jugendlichen bis zu 50 Prozent – in Südeuropa keine Zukunft mehr sehen.

Im ersten Halbjahr 2012 kamen deshalb fast 14 000 Griechen, Spanier und Portugiesen nach Deutschland. Im Mai arbeiteten eine knappe halbe Million Menschen mit Pässen aus den EU-Krisenländern hier, 6,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei Griechen und Spaniern stieg der Anteil sogar um rund zehn Prozent.

Auch die Zahl der Arbeitssuchenden hat in etwa derselben Größenordnung zugenommen. Weil Deutschland Fachkräfte braucht, bemühen sich die Bundesagentur für Arbeit, aber auch einzelne Firmen um die Vermittlung der gut ausgebildeten EU-Bürger.

Wir sprachen mit acht jungen Leuten auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Noch nie richtig bezahlt, noch nie versichert

Irgendwann kam der Tag, es war August, da konnte er kein Brot mehr kaufen und keine Milch. Da verkaufte Georgios Angelou aus Thessaloniki sein Motorrad, erstand dafür ein Flugticket und kam nach Bochum. Er mag Bochum, muss es mögen: Denn „zum ersten Mal im Leben“ wird der 33-Jährige zuverlässig bezahlt. Und ist auch noch versichert! Er kannte das nicht aus Griechenland, wo er schuftete rund um die Uhr, erst in den Bäckereien seines Vaters, nach dem Tod der Eltern morgens in Cafés und abends in Bars, um in 18 Jahren nicht einmal drei Jahre Rente zu erwirtschaften. Dabei muss er auch noch zwei jüngere Schwestern mit ernähren.

Georgios Angelou Foto: Jakob Studnar

„Die Situation ist immer schlimmer geworden“, sagt Georgios, besonders im letzten Jahr, deshalb weiß er, dass er „die richtige Entscheidung getroffen“ hat: Er schrieb einfach Mails an gastronomische Betriebe, die er im Internet fand. Und sein heutiger Chef, Eigentümer eines bekannten Restaurants, suchte gerade einen Barmann. Georgios wohnt jetzt in Bochum, er mag die Stadt, „in der man alles bekommt“ – aber natürlich vermisst er seine Geschwister. Und das Meer.

Wenn man geht, macht es nichts aus, wohin

„Wann kommst du wieder?“, fragen seine Eltern ihn am Telefon, Andreas Bakogiannis ist ihr einziger Sohn, sie sind krank, er hat seine Mutter selbst operiert. Doch der Chirurg „hatte keine Wahl, ich musste gehen“: keine Arbeit in Athen. „Die Korruption ist das größte griechische Problem“, findet er. Und an einer Klinik im Sauerland wartet eine Stelle auf ihn. Es ist Globalisierung, sagt Andreas, „wenn man weg geht, macht es nichts aus wohin“. Und Deutschland schätzt er, „ein gutes Land, ich mag es sehr“.

Andreas Bakogiannisl Foto: Jakob Studnar

Darf man das sagen, als Grieche, dessen Landsleute demonstrieren gegen Frau Merkel? „Ich habe überhaupt kein schlechtes Gefühl, und was in der Politik passiert, ist etwas anderes.“ Die Menschen seien sich ähnlich, hier wie dort und überall auf der Welt: „Sie wollen arbeiten und tun alles, damit es ihnen besser geht.“ Überhaupt hat der 36-Jährige seine eigene Meinung zur EU: „Wenn wir eine wirkliche Union wären, dann wäre es nicht dein Geld oder mein Geld, sondern unser Geld.“ Ob Andreas Heimweh hat nach seinem Land? „Ich vermisse es nicht, ich habe es in mir.“

Ein Restaurant ist nicht genug für Vier

Zu Hause, auf der griechischen Insel Skiathos, auf der die Deutschen gern Urlaub machen, hat Sofia Perka, 37, „keine Perspektive mehr“ gesehen: für sich nicht und nicht für ihre Söhne (13 und 18). Sie kochte und kellnerte im Restaurant der Familie, aber das taten ihre drei Geschwister auch – es war nicht genug für alle. Also kam Sofia nach Deutschland. Sie hatte ein wenig Pech, nach einem Arbeitsunfall den Arm in Gips; jetzt jobbt sie am Wochenende in einem griechischen Café.

Sofia Perka Foto: Jakob Studnar

Ihr jüngerer Sohn geht auf eine griechische Schule, das war der Grund, warum ihre Wahl auf Dortmund fiel. Aber er ist dort unglücklich, er lernt schließlich die deutsche Sprache nicht. Er wird also wechseln im kommenden Jahr. Zurück nach Hause? „Vielleicht in zehn Jahren mal.“

Drei Jobs gleichzeitig, aber alle befristet

Doch, doch, Maria Corro Lorente hatte Arbeit auf der spanischen Insel Mallorca, sie sagt, sie wollte „nur mal in einem anderen Land arbeiten“. Sie hatte sogar drei Jobs! Doch wer genau nachfragt, erfährt: Die 22-Jährige hatte sie gleichzeitig, als Krankenschwester in verschiedenen Kliniken. Und nie lange. Befristet für einen Monat, manchmal etwas mehr. Bis sie hörte: „In Deutschland gibt es viel Arbeit.“

Maria Corro Lorente Foto: Jakob Studnar

Also hat Maria sich beworben, zusammen mit zwei Freunden, in diesem kalten Land. Sie tut sich noch ein wenig schwer, das Essen, die großen Städte, die Deutschen, die so ganz anders sind als in den Ferien auf ihrer Insel. Deutsch hat Maria schon ein wenig in der Schule gelernt, nun führt sie Bewerbungsgespräche. Erstmal für Praktika.

Lehre, Studium – und trotzdem arbeitslos

Im Sommer ist Adam Kaouris mit seiner Freundin, einer Anästhesistin, nach Dortmund gekommen. Sie finden es „schön hier, alles funktioniert“. Adam „mag die Ordnung“. Der 27-Jährige hat eine Lehre als Versicherungskaufmann gemacht, studierte später Betriebswirtschaft. Manchmal fehlen ihm die Sonne und der Strand und natürlich seine Familie.

Adam Kaouris Foto: Jakob Studnar

Die fand es richtig, dass er nach Deutschland ging: „Als ich zu Hause war, hatte meine Familie mehr Stress mit mir. Da war ich arbeitslos.“ Das ist er zwar hier auch – noch. Aber in seiner Deutsch-Klasse ist der ruhige Adam einer der besten.

Ärzte werden gesucht, aber eine Lehrerin?

Sie sind schon 17 Jahre ein Paar, die vergangenen vier haben sie gemeinsam die Welt bereist. Nun war das Geld alle bei Pablo Troncoso und Elena Toscano, beide 35, aus Sevilla, und was sollten sie ihre Zukunft in Spanien suchen, wo es davon wenig gibt?

Elena und Pablo Troncoso Foto: Jakob Studnar

Sie haben in ganz Europa gesucht, durch professionelle Vermittlung hat Pablo eine Stelle als Internist in einer Klinik in Lüdenscheid gefunden. „Ohne das Sprachdiplom geht aber gar nichts“, Pablo braucht noch das medizinische, und Elena:

Die hat es schwerer als Lehrerin. Geschichte und Geographie hat sie studiert. Beides natürlich mit Schwerpunkt auf ihrem Heimatland. Ob jemand eine Spanisch-Lehrerin braucht?

Seine Familie hat genug von den Problemen

Die Krise in seiner griechischen Heimat hat Panagiotis Kasiris bis nach Deutschland verfolgt. Zwei Jahre ist es schon her, dass er seinen Koffer nahm und seine drei Kinder (heute 8, 9 und 14) und nach Dortmund zog.

Zuvor hatte er 20 Jahre lang ein eigenes Restaurant – aber seine Landsleute hatten auf einmal das Geld nicht mehr, um essen zu gehen. Panagiotis heuerte bei einer griechischen Metallfirma im Ruhrgebiet an, aber die machte kürzlich dicht.

Panagiotis Kasiris Foto: Jakob Studnar

Nun jobbt der 37-Jährige in einer italienischen Gaststätte. Zurück nach Hause kann er nicht: „Meine Familie will hier bleiben. Die hat genug von den Problemen in Griechenland.“

„Es wird schlimmer“ in seiner Heimat

„Es ist Zeit“, hat Dimitris Karkanis in diesem Sommer gedacht, er ist ein Mann der Tat. „Es ist besser, dem Problem zu begegnen, als darauf zu warten.“ Er war sich sicher, „es wird noch schlimmer“ mit seinem Griechenland, „es ist ein Problem der Mentalität“, das macht ihn zornig. Also verließ der Steuerberater seinen Heimatort bei Thessaloniki in Richtung Deutschland. Denn er wusste, „dass die ,deutschen’ Länder funktionieren“.

Dimitris Karkanis Foto: Jakob Studnar

Er will jetzt noch nicht an morgen denken, er will Deutsch lernen, möglichst gut und schnell; der 39-Jährige könnte dann auch in der Schweiz arbeiten, irgendwo jedenfalls, wo sie ausgerechnet einen Steuerexperten zu schätzen wissen.

Annika Fischer

Kommentare
30.12.2012
08:49
Und bei dem Steuerberater:
von nachdenken | #24

Warum geht er nicht gleich in die Schweiz?
Die zahlen doch noch gut.
Da gehen ja seit 15 Jahren auch unsere jungen Fachkräfte hin, damit sie eine...
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2012-12-28 18:35
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