Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Region

Anfeuern? Verboten!

23.01.2015 | 00:11 Uhr

An Rhein und Ruhr. Heimspiel? Beim Mülheimer VfB Speldorf löst der freundliche Begriff zeitweilig unfreundliche Gefühle aus. Kämpfen seine Kicker zu Hause auf dem Platz an der Saarner Straße, gelten für die Fans strikte Regeln. Trommeln und Fanfaren sind verboten. Musik vor oder nach dem Spiel oder wenn ein Tor gefallen ist, ist tabu. Die Vorgaben der Stadt sind der Preis dafür, dass der VfB hier überhaupt antreten darf. Kommunale Ordnungskräfte wachen darüber, dass alles eingehalten wird.

Speldorf ist ein Beispiel von vielen an Rhein und Ruhr – und nicht nur da. Bundesweit erzwingen Anwohner Einschränkungen für Sportvereine. Lärmschutz geht vor.

In Wesel: Seit 2008 hat der SV Büderich Ärger mit Anwohnern. Um 22 Uhr geht das Licht aus. Einen Schiedsrichter mussten sie schon mal mithilfe von Handy-Taschenlampen von der Sportanlage begleiten. Nach 20.30 Uhr darf nicht mehr trainiert werden. Mehr als 100 Zuschauer darf die erste Mannschaft nicht empfangen.

In Düsseldorf: Dem TV Grafenberg hat das Sportamt der Landeshauptstadt auferlegt, keine Mitglieder mehr aufzunehmen und die Anlagennutzung zu beschränken.

In Essen: Hier befassen sich bald Richter mit dem beklagten Krach in der FC Kray-Arena.

Tatsächlich stört nicht nur der Spiellärm. Nervtötend, so Anwohner, ist auch das Drumherum. Die An- und Abfahrt der Busse. Die verstopften Parkplätze. Der Bratwurstduft, der durch die Siedlung zieht. Das „Urinieren in Vorgärten und an Hauswänden“.

Beim Städtetag hat man für beide Seiten Verständnis. Die Gesamtbelastung müsse man sehen, sagt Dezernent Klaus Hebborn. „Wird der Lärm für viele Wohngebiete nicht insgesamt größer?“

Berlin, Sportausschuss im Bundestag. Er ist auch Bühne für die mächtigen Sportverbände. 6,8 Millionen Mitglieder aus 25 000 Vereinen sind im Deutschen Fußball Bund (DFB) organisiert. 20 000 Vereine und fünf Millionen Mitglieder aus verschiedenen Sportarten hat alleine der Landessportbund in NRW hinter sich. War ihr Auftritt bisher nicht mächtig genug, um sich der Politik zu erwehren?

„Der organisierte Sport hatte bisher nicht den Eindruck, dass beim Gesetzgeber Änderungsbereitschaft besteht“, sagt Willi Hink, Direktor für Amateurfußball beim DFB. Politiker redeten zwar von der Förderung der Gemeinschaftserlebnisse. Aber der Fußballplatz werde eben „zugunsten von Individuen benachteiligt“.

Achim Haase vom Landessportbund NRW verweist auf letzte Umfragen unter den Mitgliedern: 23 Stadt- und Kreissportbünde stellen „eine gestiegene Bereitschaft zur Klage durch Anwohner“ fest, wenn es laut wird. Zehn rechnen „mit einer Verschärfung der Situation“.

Jetzt aber könnte vieles anders werden. „Wir müssen noch dicke Bretter bohren. Aber man erkennt unseren Anspruch an“, so Haase. Das Bundesumweltministerium, das eine Lockerung der Regeln für Sport in Wohngebieten bisher ablehnte, ist zur Korrektur bereit, sagt Staatssekretär Florian Pronold.

Wie könnte die aussehen? Der Grenzwert von 50 Dezibel selbst, der in einem Tagesmittel gemessen wird, steht nicht zur Debatte. Dafür aber der Sonntagsschutz, der die Nutzung der Außensportanlagen zwischen 13 und 15 Uhr an Sonn- und Feiertagen bisher verbietet. Das sei, schreibt der Städtetag, mit Blick auf „veränderte Sport- und Freizeitgewohnheiten“ akzeptabel. Der Altanlagenbonus für Sportplätze, die vor 1991 gebaut sind, könnte selbst dann weiter gelten, wenn aus einem Aschen- ein Kunstrasenplatz wird.

Als Kern der Neuregelung zeichnet es sich aber ab, wenn „wir den Kinderlärm als Richtschnur nehmen“, wie es die Ausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) will. Seit 2011 können Anwohner in Wohngebieten nicht mehr gegen Kinderlärm klagen. Denkbar: Künftig darf auch die Vereinsjugend trainieren und spielen, ohne dass diese Lärmwerte den Vereinen als Grenzwertverletzung angekreidet werden. „Es macht logisch keinen Sinn, wenn 13-Jährige noch Lärm machen dürfen, 14-Jährige aber bei der sportlichen Betätigung nicht mehr“, sagt Freitag.

Diemtar Seher

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
article
10265658
Anfeuern? Verboten!
Anfeuern? Verboten!
$description$
http://www.derwesten.de/region/anfeuern-verboten-aimp-id10265658.html
2015-01-23 00:11
Region