Am Ende der Nahrungskette

Mülheim..  Um zehn Uhr ist die Schlange schon ziemlich lang, gut hundert Menschen werden es wohl sein, vielleicht auch mehr. Viele Ältere, einige Mütter mit ihren Kindern, die meisten, die hier anstehen, unterhalten sich nicht auf Deutsch. Die Ersten waren schon um halb sieben hier. Es ist immer gut, möglichst früh da zu sein, weil für die Ersten die Auswahl am größten ist. Sie warten geduldig darauf, dass Ismail Ahmed die Essensausgabe bei der Mülheimer Tafel eröffnet. Noch eine halbe Stunde.

Die Mülheimer Tafel ist eine von 169 in Nordrhein-Westfalen. In jeder größeren Stadt gibt es mittlerweile die moderne Version der Suppenküchen, Hunderttausende Bedürftige erhalten dort Lebensmittel, die ansonsten von Supermärkten und Bäckereien entsorgt würden. „Wir machen es den Leuten einfacher, die es nicht einfach haben“, sagt Ulrich Schreyer, Geschäftsführer vom Diakoniewerk Arbeit und Kultur, das die Tafel in Mülheim betreibt.

Seit 14 Jahren gibt sie schon, bis zu zweihundert Kunden werden täglich versorgt, fünf Tage die Woche, dazu existieren zwei zusätzliche Ausgabestellen für Drogenkonsumenten und Obdachlose. Im vergangenen Jahr sind es deutlich mehr Menschen geworden, die hierhin in die Georgstraße kommen, vor allem Flüchtlinge, natürlich. Die Mülheimer Tafelbetreiber haben reagiert. „Früher haben wir nur Lebensmittel verteilt bis zum Tag des Verfallsdatums, heute auch solche, die einen Tag drüber sind“, sagt Schreyer. Ohnehin ist in den vergangenen Jahren das Spendenaufkommen zurückgegangen. Die Supermärkte bestellen ihre Lebensmittel passgenauer, es bleibt weniger übrig.

Es ist halb elf. Die Ausgabestelle öffnet. Die Leute schieben sich langsam am Laufgitter entlang vor. Ismail Ahmed und seine Leute teilen Brot, Obst, Gemüse aus, packen Tüten, ein Lächeln ist immer drin. Es ist eine bunte Truppe hinter dem Tresen. Aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Togo, Sri Lanka, Russland, zwei Deutsche sind auch dabei. Ist praktisch, weil es kaum Verständigungsprobleme mit den Kunden gibt. Sie sind alles Ein-Euro-Jobber.

Herr Ahmed ist seit elf Jahren dabei, er ist damals über ein spezielles Programm zur Tafel gekommen. „Ein guter Job“, sagt er. Er ist stolz darauf, wie gut das Team unter seiner Leitung arbeitet und wie gesittet alles läuft. Meistens jedenfalls. Ab und an mosert einer, weil er nicht das bekommt, was er gerne hätte, einmal ist auch eine Tüte geflogen, damit hat es sich aber auch.

Keine Wattenscheider Zustände also. Die Wattenscheider Tafel hat kürzlich Schlagzeilen gemacht, weil dort Ehrenamtliche massiv bedroht, manchmal sogar geschlagen wurden und deswegen den Dienst quittierten. Von einer erhöhten Aggressivität und einem überzogenen Anspruchsdenken der Kunden war zu lesen.

Ulrich Schreyer hat für die Vorfälle in Wattenscheid eine Erklärung. Dort müssen die Kunden pro Ausgabe zwei Euro zahlen. „Wenn sie Sozialhilfe beziehen, ist das viel Geld. Da geht man natürlich mit anderen Ansprüchen hin und wird vielleicht schneller sauer, wenn drei von fünf Äpfeln faule Stellen haben.“ In Mülheim kostet die Ausgabe gar nichts. Dort müssen die Kunden nicht einmal ihre Bedürftigkeit nachweisen, um etwas zu bekommen, wie es sonst bei vielen Tafeln üblich ist. „Bei uns kann sich jeder anstellen“, sagt Schreyer.

Um 11.30 Uhr ist die erste Ausgabe vorbei. Kurze Zeit später stellen sich draußen schon die ersten für die zweite Ausgabe des Tages an. Und wenn sich jemand zweimal in die Schlange einreiht? „Passiert nicht“, sagt Schreyer, „unsere Mitarbeiter kennen die Leute.“

Draußen lehnt Maria Theresia van Schwaamen an ihrem Rollator. Es ist schon recht warm an diesem Vormittag, trotzdem hat sie eine wattierte Jacke an. Den Rollator braucht sie, weil sie nicht mehr so gut zu Fuß ist. Hat auch seine Vorteile, sagt sie. Mit ihrem Schwerbehindertenausweis kann sie jetzt umsonst Bahn fahren. Das ist gut, weil sich so die Fahrten nach Dortmund oder Düsseldorf lohnen. Dort sammelt die 73-Jährige bei Fußballspielen Pfandflaschen ein. Düsseldorf ist immer gut, da hat Frau Schwaamen einen Stammplatz am Stadion. „20 Euro sind da immer drin. Wenn ich gut haushalte, reicht das für eine Woche.“

Frau van Schwaamen ist in diesem Jahr das erste Mal hier bei der Mülheimer Tafel. Heute steht sie wegen Brot an. „Ich komme nur hierhin, wenn ich ein bisschen knapp bin.“ Etwas unter 400 Euro Rente bekommt sie, dazu noch 66 Euro wegen ihrer Behinderung, die Miete zahlt das Amt. „Da muss man sich eigentlich nicht anstellen“, sagt sie. Was sie nicht abkann, das sind die jungen und gesunden Leute, die zur Tafel kommen. „Die könnten doch arbeiten, oder?“

Um 12.30 Uhr kommt der Tafelwagen mit der nächsten Lieferung. Herr Ahmed öffnet die zweite Ausgabe.