Zum Wohle des Kindes

Berlin..  Sie waren zu dritt, Massud und seine Brüder. Drei Kinder auf sich allein gestellt, auf dem Weg von Afghanistan nach Deutschland. Über den Iran geht es weiter in die Türkei, wo sie von den Schleusern getrennt werden. Massud zieht allein weiter. Erst schafft er es mit einem Schlauchboot auf eine griechische Insel, in Athen lebt er monatelang auf der Straße. Ein Trucker nimmt ihn mit nach Italien, weiter geht es nach Frankreich, einen Kumpel auf der Flucht zieht es zu Verwandten in Hamburg, Massud schließt sich an. Im Oktober 2010 landet Massud in Hamburg, er ist gerade 16 Jahre alt geworden.

Es sind Einzelschicksale. Aber sie nehmen zu. Seit Jahren steigt die Zahl der minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge. 2008 waren es 763, 2012 dann 4767, ein Jahr später schon 6584 und davon 1519 in NRW. Aus der bisherigen Entwicklung leitet Familienministerin Ute Schäfer (SPD) für 2014 einen erneuten Anstieg ab. Die Statistik ist wirr. Mal werden die Einreisen, mal die Asylanträge gezählt. Viele Kinder werden älter geschätzt und herausgerechnet. Nur eines ist allen Statistiken gemein: der steile Anstieg.

Laut Bundespolizei Anstieg um 150 Prozent

Die Beamten der Bundespolizei greifen viele der Kinder auf. Die Zahl sei 2014 um 150 Prozent gestiegen, teilt die Behörde mit. Überwiegend kämen die Kinder aus Afghanistan, Eritrea, Somalia, Syrien und Marokko. Krisenregionen. Selbst für hart gesottene Beamte sei es keine „alltägliche Situation“. Sie geben die Kinder in Obhut des Jugendamtes, zurück bleibt Fassungslosigkeit.

Es sei „unverantwortlich, wenn Minderjährige aus finanziellen Gründen allein nach Deutschland geschickt werden“, sagt Dieter Romann, Präsident der Bundespolizei. Thomas Berthold kennt die Gründe. Manchmal ist das Familienoberhaupt verstorben. Mädchen landen bei Verwandten, Jungs sollen sich durchschlagen. Viele fliehen, um nicht in die Armee eingezogen zu werden. Berthold ist Referent beim Bundesverband Unbegleitete Flüchtlinge. Vor der Kinderkommission des Bundestages traf er auf Massud. Es hat gedauert. Nun ist das Thema in Berlin angekommen. Die Länder fordern, die Kinder bundesweit zu verteilen. Zudem sollen sie rechtlich geschützt werden. Sollen einen Schul- und Ausbildungsabschluss machen können. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) räumt ein, dass sich bei minderjährigen Flüchtlingen Streitfragen des Ausländerrechts „verschärft“ stellen. Er sei bereit, „darüber zu reden“.

Das Risiko, dass Kinder in die Kriminalität abgleiten, ist groß. In Hamburg ist es Stadtthema, in Dortmund könnte es eines werden. Nach einem Dossier des LKA in Hamburg sind rund ein Viertel der 111 jugendlichen Intensivtäter unbegleitete Flüchtlinge.

Manche Kinder werden von der Polizei aufgegriffen. Andere sprechen Passanten auf der Straße an. Wieder andere werden von Schleppern und Schleusern direkt zum Jugendamt gebracht, erzählt Berthold. Anders als normale Asylbewerber werden sie nicht verteilt. Und das führt wiederum dazu, dass sie sich auf relativ wenige Städte konzentrieren: Entlang der A7, Deutschlands längster Autobahn, auf Drehkreuze wie Frankfurt, Köln und München (wo viele Züge aus Italien ankommen), in Hamburg, das eine große afghanische Gemeinde hat, auf Städte mit Aufnahmelagern wie Dortmund und im grenznahen Raum, zum Beispiel in Aachen.

Nachdem die Länder Ende 2014 im Bundesrat Druck gemacht haben, will nun auch Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) eine Gesetzesinitiative ergreifen, um die minderjährigen Flüchtlinge im ganzen Bundesgebiet zu verteilen. Statt in überfüllten Unterkünften zu leben, sollen sie besser betreut werden, in Wohngruppen und im Idealfall (Schwesig) in Pflegefamilien.