Ziemlich beste Freunde

Berlin. Spontane Antworten sind meist am besten. „Bullshit“, sagt ein Vertrauter von Wolfgang Schäuble (CDU), als er mit der Meldung konfrontiert wird, der Finanzminister und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) seien wegen der Griechenland-Krise über Kreuz. Offiziell hört es sich so an: Beide arbeiteten „so vertraulich wie vertrauensvoll zusammen“.

Einige Unions-Abgeordnete haben den Gerüchten über ein Zerwürfnis so viel Glauben geschenkt, dass die Kanzlerin via „Bild“ wissen ließ, es gebe einen „Aufruhr“ in der Unions-Fraktion, falls Schäubles Linie aufgeweicht werde. Ohne den Finanzminister werde die Fraktion „nicht zustimmen“, verkündete Hans Michelbach von der CSU. Es klang fast wie eine Drohung.

Der Grund für diese Irritationen ist das Geheimtreffen vom Montag im Kanzleramt, als sich Merkel mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EZB-Präsident Mario Draghi, IWF-Chefin Christine Lagarde und Frankreichs Staatschef Francois Hollande beriet. Schäuble war nicht dabei, aber wusste davon. Er habe vor einer Woche am Rande eines Treffens der G7-Finanzminister in Dresden vom Treffen erfahren, und zwar erst vom Kanzleramt und dann von Lagarde, die er gut kennt. Die Reihenfolge ist hier von Belang.

Schäuble erfuhres von Lagarde

In der Union, aber auch in der SPD ist der Eindruck weit verbreitet, dass Schäuble gegenüber den Griechen prinzipienfester, kompromissloser auftritt als die Kanzlerin.

Bei der vorläufig letzten Griechenland-Abstimmung im Bundestag gaben über 100 Abgeordnete, zumeist aus der Union, schriftliche Erklärungen zu Protokoll. Viele hatten ein Problem und haben mit Hinweis auf Schäuble zugestimmt. Als Vertrauensbeweis.

Ohne ihren Finanzminister hätte es Merkel bei der nächsten Abstimmung schwer. Gegen ihn würde sie in den eigenen Reihen wohl keine Hilfe für Griechenland durchbekommen. Sie sind aufeinander angewiesen. Auch unter den Finanzministern im Euro-Raum hat Schäuble eine starke Stellung; sie sind es, die formal über Finanzierungsmodalitäten befinden.

Schäuble kann sehr schroff sein, wobei sein griechischer Kollege Yannis Varoufakis es sich mit allen verscherzt hat, nicht nur mit dem Mann im Rollstuhl. Zuletzt riss der griechische Premier Alexis Tsipras die Verhandlungen an sich. Ob sich Varoufakis verrannt hat oder ob es ein Spiel mit vertauschten Rollen ist, bleibt dahingestellt. Fakt ist, dass sich Tsipras moderater gibt und schnell einen guten Draht zu Merkel, Hollande und Juncker aufbaute. Seit der Runde am Montag im Kanzleramt kommen die Gläubiger den Griechen entgegen. Gerade erst gewährte der IWF ihnen einen Zahlungsaufschub. Andernfalls hätte die Regierung in Athen gestern zum Beispiel 300 Millionen Euro überweisen müssen.

Es ist nicht bekannt, ob es Schäuble recht ist. Der Herr badet nicht gern lau. Dass er es auf einen „Grexit“ angelegt hätte, wäre allerdings auch falsch. Der Finanzminister gehört zu denen, die früh intern zu bedenken gegeben haben, dass man Athen auch dann helfen müsste, wenn das Land den Euro aufgeben und zurück zur Drachme gehen würde. Im Prinzip hat man in der Griechenland-Krise nur die Wahl zwischen schlechten Alternativen. Merkel arbeitet darauf hin, Griechenland im Euro zu halten, erklärtermaßen auch Juncker und Draghi. Es kann sein, dass sie und Schäuble gegenüber den Griechen unterschiedliche Rollen spielen; und der Finanzminister demnach die des „bösen Polizisten“.

Unabhängig davon sind sie aber auch politisch völlig unterschiedliche Temperamente. Schäuble ist eher bereit, Risiken einzugehen; er würde als Kanzler mehr auf Reformen drängen. Merkel agiert gern auf sicherem Grund, sie hat keine Freude daran zu testen, wie dünn das Eis ist. Schäuble ist nicht irgendein Minister im Kabinett. Und doch bekommt auch er schon mal die Richtlinienkompetenz zu spüren. Zum Beispiel hat sich Merkel entschieden, den „Solidarzuschlag“ zurückzuführen. Schäuble hatte andere Pläne, trug die Entscheidung dann mit. Dann kann er loyal bis zu Selbstverleugnung sein. Das könnte sich auch in der Griechenland-Frage wiederholen.

Er warmal CDU-Chef

Er war mal CDU-Chef und sie seine Generalsekretärin, bis sie ihn dann ablöste. Merkel war es, die seinen Aufstieg zum Bundespräsidenten verhinderte, weil es machtpolitisch erfolgversprechender schien, sich mit der FDP auf Horst Köhler zu verständigen. Sie sucht oft seinen Rat, und einmal lud sie ihn sogar ins Kino ein. Gemeinsam schauten sie sich den Film „Ziemlich beste Freunde“ an. Und doch sind sie auch nach so vielen Jahren per Sie. Man kann es altmodisch nennen oder Respekt dazu sagen.