Zeugen wollen Böhnhardt vor Kölner Anschlag gesehen haben

Im NSU-Prozess dreht sich derzeit alles um den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße vom 9. Juni 2004.
Im NSU-Prozess dreht sich derzeit alles um den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße vom 9. Juni 2004.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Überraschende Zeugenaussage am Dienstag vor dem Münchner NSU-Prozess: Eine Zeugin sagte aus, sie sei Uwe Böhnhardt vor dem Anschlag in Köln begegnet.

München/Köln.. Zwei Zeugen ist jeweils ein verdächtiger Radfahrer am Tag des Nagelbomben-Anschlags von Köln in Tatortnähe aufgefallen. Eine 63-jährige Frau beschrieb dem Gericht am Dienstag, dem 178. Verhandlungstag, dass ihr damals ein Mann aufgefallen war, weil er sein Fahrrad sehr vorsichtig geschoben habe. „Als würde er es tragen“, fügte sie an. Die heutige Rentnerin erklärt ihr damaliges Interesse an dem Mann damit, dass sein Fahrrad keinen platten Reifen hatte, er es aber so bewegt habe. Daher sei sie aufmerksam geworden.

Die Zeugin erinnert sich noch daran, dass das Fahrrad neu gewesen sein müsse und eine schwarze Box auf dem Gepäckträger befestigt war. Den Mann beschreibt sie als „sportlich“, mit „Sportkleidung“ und schätzte ihn damals so alt wie ihren Sohn, also etwas über 30 Jahre. Sie habe ihm auch kurz ins Gesicht geschaut.

Zweifel an der Zeugenaussage

Bei der Polizei wurden der Zeugin bei zwei Befragungen jeweils Aufnahmen einer Überwachungskamera gezeigt, auf der ein Mann mit einem Fahrrad zu sehen ist, dessen Gepäckträger eine Box trägt. Auf den Aufnahmen habe sie den Mann aber nicht 100-prozentig wiedererkannt, wegen der schlechten Qualität des Videos, erklärt die 63-Jährige. Richter Manfred Götzl hält ihr vor, dass sie in ihrer ersten Aussage bei der Polizei nur drei oder vier Tage nach dem Anschlag gesagt hatte, sich „ziemlich sicher“ zu sein, dass der Mann auf dem Video auch derjenige ist, den sie gesehen habe. Sie sei in ihrer zweiten Vernehmung bei der Polizei „ausgewichen“, erklärt die Zeugin dem Gericht. Damals ging sie davon aus, „dass die Täter leben. Da entsteht schon ein gewisser Druck. Da bin ich dann ausgewichen“.

NSU-Prozess Einem zweiten Zeugen war am 9. Juni 2004 ein rasanter Radfahrer aufgefallen. Der 57-jährige Feuerwehrmann erinnert sich noch, dass unweit der Keupstraße ein Mann mit einem Fahrrad auf ihn zugekommen sei und ihn fast umgefahren haben soll. „Wie von der Tarantel gestochen“ beschreibt der Zeuge das Verhalten des Radfahrers dem Gericht. Er machte noch am Tag des Anschlags nachts eine Aussage bei der Kölner Polizei.

Dem Gericht sagte der Zeuge, dass er sich gewundert habe, weil sich nach seiner Aussage niemand mehr bei ihm gemeldet hatte. Er sei sich damals sicher gewesen, den Mann gesehen zu haben, der Tage später in der Zeitung auf einem Überwachungsvideo veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zur 63-jährigen Zeugin sind dem Feuerwehrmann von der Polizei aber nie die Überwachungsvideos mit den Radfahrern gezeigt worden.

Überwachungsvideos zeigen Mann mit Fahrrad

Die Polizei konnte damals bei ihren Ermittlungen Bilder zweier Überwachungskameras aus einer Seitenstraße der Keupstraße sicherstellen. Darauf ist unter anderem vor dem Anschlag ein Mann zu sehen, der vorsichtig ein Fahrrad in Richtung Tatort schiebt, auf dessen Gepäckträger eine Box befestigt ist. Kurz nach dem Anschlag zeigen weitere Bilder einen Mann, der mit einem Fahrrad von der Keupstraße weg fährt.

Am 9. Juni 2004 war am Nachmittag in der überwiegend von Menschen türkischer Abstammung bewohnten Keupstraße in Köln ein Sprengsatz explodiert. Die Detonation der mit rund 700 Nägeln bestückten Bombe verletzte mindestens 22 Menschen. Vier von ihnen schwebten in Lebensgefahr. Die Detonation beschädigte zudem zahlreiche Geschäfte und Ladenlokale. Der Polizei war es bis zum Auffliegen des NSU nicht gelungen, Verdächtige zu ermitteln.

Die Beamten suchten die Täter überwiegend im angeblich kriminellen Umfeld der Bewohner der Keupstraße. Rechtsextreme oder fremdenfeindliche Tatmotive blieben dagegen weitgehend unbeachtet.

Erstmals vierter Anwalt als Verteidiger

Die Anklage geht im NSU-Prozess davon aus, dass auf den Videos die mutmaßlichen Täter zu sehen sind. Es sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewesen sein. Sie sollen gemeinsam mit Beate Zschäpe die mutmaßliche Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gebildet haben. Die Gruppierung wird unter anderem für zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge sowie 15 Raubüberfälle verantwortlich gemacht.

NSU-Prozess Am 178. Verhandlungstag hat erstmals seit Prozessbeginn mit Florian Schulz ein vierter Anwalt auf der Verteidigerbank von Beate Zschäpe Platz genommen. Er vertritt den abwesenden Rechtsanwalt Wolfgang Stahl. Beide Anwälte gehören in Koblenz zur Kanzlei von Wolfgang Stahl.

Bisher war bei Abwesenheit eines der drei Verteidiger von Beate Zschäpe keine Vertretung erfolgt. Die Hauptangeklagte wird seit Prozessbeginn von den Anwälten Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl verteidigt. Im Juli des Vorjahres ließ Beate Zschäpe gegenüber dem Gericht erklären, dass sie das Vertrauen in ihre Anwälte verloren habe. Das Gericht wies damals aber ihren Antrag auf Entpflichtung der Anwälte zurück.