Zeugen einer Sonnenfinsternis
28.09.2008 | 22:17 Uhr 2008-09-28T22:17:38+0200LANDTAGSWAHL. Schadenfreude pur. Die SPD hat nach dem Ergebnis im Freistaat Bayern nichts gerissen, aber gut Lachen.
BERLIN. Es ist sein erstes Mal. Mittags betritt Frank-Walter Steinmeier das Willy-Brandt-Haus. Der Jetlag zerrt an ihm. Erst am Vorabend war der Außenminister aus New York zurückgeflogen. Als kommissarischer SPD-Chef muss er ein Wahlergebnis vertreten - eine Pre miere. Der Kanzlerkandidat ist entspannt. "Es gibt Wahlen", hatte er im kleinen Kreis gesagt, "da kommt es weniger auf das eigene Ergebnis an." Der Abend der Bayern-Wahl ist so einer. Um die CSU geht es, um den Verlust ihrer absoluten Mehrheit. Ein Erdbeben, eine tektonische Verschiebung der Parteienlandschaft, eine Erschütterung der Macht der Union. Die Konkurrenz will ihre Schadenfreude nicht verhehlen.
Willy-Brandt-Haus, kurz vor 18 Uhr: Es ist brechend voll, SPD-Mitarbeiter, Journalisten, B-Prominente wie Karl Lauterbach. Einige bedienen sich noch am Buffet im Atrium. Bayrische Spezialitäten hat die SPD auftischen lassen: Brezeln, Weißwürste, Wustsalat und Weizenbier. Vor Fernsehern drängen sich die Menschen. Dann: Die Prognose. An erster Stelle wird die CSU aufgerufen. Ein Jubelschrei, als wäre bei Schalke 04 ein Tor gefallen. Dass die SPD es fertig brachte, noch mal zu verlieren und von der Schwäche der CSU nicht zu profitieren, geht völlig unter.
Steinmeier wird später zu den eigenen Verlusten kein Wort sagen. Noch wartet der Mann in seinem Arbeitszimmer. Er ist vorsichtig. Erst als die erste Hochrechnung die Prognose bestätigt, schreitet er zum Aufzug. Unten im Atrium sind sieben TV-Kameras auf die Bühne gerichtet. Es spricht sich rum, dass er unterwegs ist. In der SPD-Zentrale wird es still. "Wie bei einer Sonnenfinsternis", sagt einer. Es ist der helle Stern der CSU, der sich verdunkelt.
Steinmeier betritt die Bühne, winkt, zupft am grauen Anzug, richtet die Mikrofone zurecht und wartet, bis der Jubel verebbt ist. Am Rande der Szenerie wird er von vielen aus der SPD-Spitze beobachtet. Wie schlägt er sich?
Steinmeier spricht relativ lang, von Beifall unterbrochen. Vom "rapiden Kompetenzverlust" der CSU wird die Rede sein, davon, dass die Leute "das Gehabe einer Staatspartei satt haben". Einen Seitenhieb gegenüber dem Partner in der Koalition kann er sich nicht verkneifen: "Wir erwarten, dass die Union die Handlungsfähigkeit der Regierung sicherstellt." Er kostet den Augenblick aus. Oft genug war zuletzt die Frage nach der Handlungsfähigkeit der SPD gestellt worden. Aber was bedeutet dieser Abend genau?
Es liegt nicht in seiner Macht und Steinmeier glaubt auch nicht daran, aber theoretisch ist eine Aufwertung der SPD denkbar: Als Juniorpartner der CSU in einer großen Koalition in Bayern.
In der Bundesversammlung verlor Bundespräsident Horst Köhler seine Mehrheit. Die CSU-Stimmen sind nicht der SPD oder Grünen zugute gekommen. Sind die Gabriele Paulis der Freien Wähler aber sichere Kantonisten? Sie könnten auch für die Köhler-Herausforderin Gesine Schwan stimmen. Seltsam, Steinmeier verliert kein Wort zu Schwans Chancen.
Die neue Linke hat ihr erstes Frusterlebnis im Westen. Ein Dämpfer nach den vielen "vollmundigen Parolen "der letzten Zeit". "Das soll so bleiben", sagt Steinmeier.
Der Populismus, "das Markenzeichen der politisch Hilflosen", hat sich nicht ausgezahlt. Der CSU halfen alle Steuerversprechen nichts.
Projektiert man das Ergebnis auf den Bund, haben CDU, CSU und FDP keine Mehrheit, wobei die Liberalen stabil sind. Die FDP wird jetzt erst recht als Partner hofiert werden. Als ihr Parteichef Westerwelle am Fernseher erscheint, sagt Karl Lauterbach: "Der künftige Außenminister." Ernst und Ironie liegen nahe beieinander. (NRZ)

00:37
Übersetzt man das Wort Abgrund durch den Begriff 5-Prozent-Klausel, so wäre es für eine notwendige neue politische Kultur in unserem Land von großem Vorteil, wenn sich beide ehemaligen Volksparteien dieser Linie sehr schnell nähern würden.
22:15
Die SPD hat nichts gerissen aber gut lachen.
Nichts gerissen stimmt. Zum lachen besteht allerdings bei der SPD überhaupt kein Grund.
Die SPD sollte die Wahlen einmal sachlich analysieren und man wird sehr schnell feststellen, dass man mittlerweile am Abgrund steht.