Das aktuelle Wetter NRW 16°C
Flüchtlinge

Zehn Argumente, die "Asylkritiker" alt aussehen lassen

07.08.2015 | 11:23 Uhr
Zehn Argumente, die "Asylkritiker" alt aussehen lassen
"Ich bin kein Nazi, aber...": Rassisten-Demonstration in Freital.Foto: Imago

Essen.  Selbsternannten Asylkritikern ist kein Argument zu wirr, um gegen Flüchtlinge zu hetzen. Doch viele ihrer Thesen halten einer Prüfung nicht stand.

Die Debatte um die zunehmende Zahl an Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, wird immer emotionaler geführt. Viele Argumente von selbsternannten "Asylkritikern" wiederholen sich. Wer genauer hinschaut, stellt aber fest, dass die Wiederholung sie nicht richtiger macht. Wir haben zehn oft verwendete Thesen einem Faktencheck unterzogen.

These 1: Deutschland nimmt viel mehr Flüchtlinge auf als andere Länder.

Im vergangenen Jahr haben laut der EU-Statistik-Behörde Eurostat 626.000 Menschen Asyl in einem EU-Land beantragt, gut 200.000 davon in Deutschland. In absoluten Zahlen könnte man die These "Deutschland hat die meisten Asylbewerber" also noch vertreten, doch umgerechnet auf die Einwohnerzahl passt das Bild nicht mehr: Schweden etwa hatte 2014 durchschnittlich 8,4 Asylanträge pro 1000 Einwohner zu bearbeiten. In Deutschland waren es 2,5. Auch Ungarn, Österreich, Malta und Dänemark liegen in dieser Statistik noch vor der Bundesrepublik.

Zudem sagt die Zahl der Asylanträge nur wenig darüber aus, wie viele Flüchtlinge ein Land tatsächlich aufnimmt. Wiederum umgerechnet auf die Einwohnerzahl hat Schweden die meisten Asylanträge positiv beschieden, nämlich gut einen pro 1000 Einwohner. In Deutschland wurden pro 1000 Einwohner nur 0,4 Asylanträge genehmigt.

Blickt man über den Tellerrand Europas hinaus, sieht man ganz andere Dimensionen: Der kleine Libanon mit seinen rund 4,5 Millionen Einwohnern hat knapp 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Ein Flüchtling, drei Einwohner, das ist die Quote. In NRW, schätzen Experten, werden am Jahresende 125-mal so viele Einwohner wie Flüchtlinge leben .

These 2: Wer vom Balkan kommt, ist ein Wirtschaftsflüchtling.

"Das sind doch gar keine echten Flüchtlinge", heißt es oft über Flüchtlinge vom Balkan, also aus Albanien, Serbien oder dem Kosovo. Diese Menschen hätten kein Anrecht auf Asyl, weil sie nicht verfolgt würden. Sie kämen nur, um hier Geld zu machen.

Der Jahresbericht von Amnesty International spricht eine andere Sprache: Roma, die einen Großteil der Flüchtlinge vom Balkan ausmachen, seien in Serbien "nach wie vor weitverbreiteter und systematischer Diskriminierung ausgesetzt", heißt es dort. In Albanien seien viele von ihnen Opfer rechtswidriger Zwangsräumungen geworden. Trotz anderslautender Zusagen hätten sie bis heute nur sehr eingeschränkten Zugang zu angemessenem und bezahlbarem Wohnraum.

In der Tat werden die allermeisten Asylanträge von Menschen aus den Balkanstaaten abgelehnt. Teile der Bundesregierung erwägen deshalb auch diese Staaten zu "sicheren Herkunftsländern" zu erklären, wie es einige andere EU-Staaten schon gemacht haben. Das würde die Abschiebung von Flüchtlingen aus diesen Ländern erleichtern. Die Berichte von Amnesty International zeigen dennoch: Jeder Einzelfall verdient eine Prüfung, Verallgemeinerungen sind nicht angemessen.

These 3: Asylbewerber sind kriminell.

Steigt in der Nähe von Flüchtlingsheimen die Kriminalität an? Dazu gibt es wenig aussagekräftige Statistiken. Potsdamer Polizisten haben das mal exemplarisch für ein Flüchtlingsheim der Stadt über mehrere Jahre beobachtet. Ihr Ergebnis: "Statistisch hat sich das Asylbewerberheim nicht auf die Kriminalitätsentwicklung ausgewirkt."

Die Kriminalstatistik der Polizei, die gern als Argumentationshilfe benutzt wird, taugt dafür nur wenig. Denn sie erfasst erstens keine verurteilten Strafttäter, sondern nur Tatverdächtige, und sie differenziert zweitens nicht unter Ausländern. Sollte also in einer Stadt die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen besonders hoch sein, so kann das bedeuten, dass Asylbewerber viele Straftaten begangen haben. Genauso ist aber möglich, dass ausländische Touristen die Täter waren. Oder gar, dass die Polizei Ausländer im Verdacht hatte, die Ermittlungen aber später zeigten, dass sie unschuldig waren.

Artikel auf einer Seite lesen
  1. Seite 1: Zehn Argumente, die "Asylkritiker" alt aussehen lassen
    Seite 2: Die Flüchtlinge kriegen alles bezahlt?
    Seite 3: Flüchtlinge nehmen Deutschen die Arbeitsplätze weg?

1 | 2 | 3

Kommentare
06.08.2015
14:00
Zehn Argumente, die "Asylkritiker" alt aussehen lassen
von Moderation | #136

Liebe Kommentatoren,
leider können wir zu diesem Artikel im Zeitraum seit seiner Veröffentlichung keine sachliche Diskussion feststellen. Aus diesem...
Weiterlesen

Funktionen
Fotos und Videos
Der Anschlag in München
Bildgalerie
Polizeieinsatz
Sakurai und Co.
Bildgalerie
Fotostrecke
article
10951301
Zehn Argumente, die "Asylkritiker" alt aussehen lassen
Zehn Argumente, die "Asylkritiker" alt aussehen lassen
$description$
http://www.derwesten.de/politik/zehn-argumente-die-asylkritiker-alt-aussehen-lassen-id10951301.html
2015-08-07 11:23
Flüchtlinge, Nazis, Asylkritiker,
Politik