Zahlreiche Warnungen verhallten ungehört

Nairobi..  Nach einem der blutigsten Terroranschläge in der Geschichte Kenias sind Regierung und Sicherheitskräfte des ostafrikanischen Staates in die Kritik geraten. Vor dem Angriff auf eine Universität in der ostkenianischen Provinzhauptstadt Garissa, bei dem am Donnerstag fast 150 Studenten ums Leben kamen, habe es zahlreiche Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorangriff gegeben, die von der Regierung und den Sicherheitskräften in den Wind geschlagen worden seien, kritisierten sowohl Einwohner Garissas wie Experten. „Es ist wegen der Nachlässigkeit der Regierung, dass so etwas trotz aller Gerüchte passieren kann“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Geschäftsmann Mohamed Salat. Warnungen würden in Kenia offenbar „nie erstgenommen“, kritisierte der Chef des Instituts für Sicherheitsstudien in Nairobi, Peter Aling’o, im Gespräch mit der Deutschen Welle: „Die Geheimdienste des Landes wurden wieder mal mit heruntergelassenen Hosen erwischt.“

Botschaften rieten von Reisen ab

Studenten eines Ausbildungszentrums für Lehrer waren am Dienstag nach Hause geschickt worden, nachdem tags zuvor verdächtige Personen in der Stadt gesehen worden waren. „Unser College schloss, aber der Universitätscampus blieb offen“, sagte eine Studentin zu Reuters. In mehreren Universitäten des Landes sei zwei Tage zuvor vor Terrorangriffen gewarnt worden, hieß es außerdem: Da dies jedoch der 1. April war, hätten viele gedacht, dass es sich um einen Aprilscherz handele. Auch die Botschaften Großbritanniens und Australiens hatten in der vorigen Woche vor einem bevorstehenden Anschlag gewarnt und von Reisen abgeraten. Die Regierung kritisierte die Reisewarnungen heftig: Kenia sei „sicher“, gab Innenminister Joseph Nkaissery bekannt.

Als mindestens vier schwer bewaffnete Mitglieder der somalischen Terrorgruppe al-Schabab am Donnerstagmorgen um halb sechs Uhr die Universität angriffen, war das Tor zum Campus lediglich von zwei Sicherheitsleuten bewacht. Die beiden Wächter seien mit Handgranaten umgebracht worden, anschließend hätten die mit Sprengstoffwesten bekleideten Angreifer wild um sich geschossen, berichteten Augenzeugen. Bereits wache Studenten seien gefragt worden, ob sie Muslime oder Christen seien: Im ersten Fall wurden sie offenbar freigelassen, im zweiten Fall auf der Stelle erschossen oder als Geiseln genommen. „Ich habe sie sagen hören: ,Wir sind gekommen zu töten und schließlich getötet zu werden’“, berichtete der Student Eric Wekesa einem Reuters-Reporter.

Schließlich bahnten sich die Angreifer einen Weg zu den Schlafsälen der Studenten, wo sie sich mit zahlreichen Geiseln verschanzten. Einheiten des Militärs und der Polizei hatten inzwischen das Universitätsgelände umstellt, wurden allerdings mehrere Male zurückgeschlagen und gelangten erst Stunden später zu den Schlafsälen. Fast 600 Studenten gelang in der Zwischenzeit die Flucht, mehr als 70 wurden verletzt. 15 Stunden später endete der Überfall mit dem Tod der vier Angreifer: Sie seien „wie Bomben explodiert“, berichtete Innenminister Nkaissery. Ob sie sich selbst in die Luft gejagt oder von den Kugel der Sicherheitskräfte getroffen worden waren, blieb zunächst unklar. Ebenso ungeklärt ist, wie viele der 147 getöteten Studenten erst am Schluss der Geiselnahme ums Leben kamen. Eine Person, die möglicherweise zu den Angreifern gehörte, sich aber keine Sprengstoffweste umgebunden hatte, soll beim Versuch zu fliehen festgenommen worden sein.

Ähnlichkeit zum Westgate-Attentat

Der Überfall weist mit dem Al-Schabab-Angriff auf das Einkaufszentrum „Westgate“ in Nairobi große Ähnlichkeit auf, bei dem im September 2013 insgesamt 67 Menschen getötet wurden. Lediglich beim Al-Kaida-Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Nairobi 1998 waren bei einem Terrorangriff in Kenia mit 224 Opfern mehr Menschen als jetzt in Garissa umgekommen. Kenias Militär und Polizei hätten aus dem Westgate-Anschlag keinerlei Lehren gezogen, kritisierten Experten: „Erneut sehen wir eine schlecht geplante Reaktion der Sicherheitskräfte, die bei ihrem Einsatz offenbar wieder nicht wussten, auf was sie eigentlich reagieren müssen“, kritisierte Aling’o vom Institut für Sicherheitsstudien.