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"Wir sind voll handlungsfähig"

01.10.2008 | 22:06 Uhr

Nach Gesprächen hinter verschlossenen Türen verkündet Beckstein seinen Rücktritt. Nachfolge-Kandidat Seehofer beruhigt die Gemüter. Herrmann, Schmidt und Goppel werfen außerdem ihren Hut in den Ring

München. Der Mittwoch beginnt um zehn Uhr morgens geordnet. Die CSU-Abgeordneten des Landesparlaments strömen in ihren Tagungsraum im Maximilianeum, dem Hohen Haus Bayerns. Ein seltener Gast fährt in seiner Dienstlimousine auch in den Hof, Horst Seehofer. Er ist dort schon mehrmals aufgetaucht, wenn es brenzlig wurde mit seiner Partei. Lässig entsteigt Seehofer dem Fond und sagt, man müsse jetzt drei Schritte machen. Erst nachdenken, dann miteinander reden und zuletzt handeln. Keine Panik.

Dabei hat genau die schon eingesetzt. Putschwütige Parteifreunde aus Oberbayern trafen sich zu Gesprächen und nächtlichen Kungelrunden, auch Edmund Stoiber war dabei. Nach den krassen Stimmenverlusten auch in Oberbayern müssten Köpfe rollen. "Partei und Land in eine Hand", fordert an diesem Vormittag der CSU-Oberbayer Ludwig Spaenle. Was auf die Person Seehofer hinausläuft, der nach dem Rücktritt von Erwin Huber nun auch das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll. So die Vorstellung der Oberbayern.

Nach einer Stunde Diskussion hinter verschlossenen Türen erscheinen Ministerpräsident Günther Beckstein, Huber, Seehofer und der CSU-Fraktionschef Georg Schmid und verschwinden gleich wieder in einem Nebenraum. Nach zehn Minuten kehren sie mit noch ernsteren Mienen zurück. Kein Wort entweicht ihren Mündern. Um 11 Uhr 30 macht vor den verschlossenen Türen des Fraktionssaals die Runde, eine SMS sei aufgetaucht, Beckstein werde weichen. Um 12 Uhr 35 betritt Beckstein im Altbau des Gebäudekomplexes einen Saal, wo hohe Gemälde von blühenden Zeiten bayerischer Monarchen künden. Dort tritt er vor die vielen Mikrofone und sagt, sein Rückhalt in der Partei sei nicht mehr groß genug, um die bevorstehenden Aufgaben zu bewältigen. "Jeder muss seinen Beitrag leisten zur Geschlossenheit". Seine Fraktion werde die nächsten Schritte ausführlich diskutieren.

Es geht an diesem grauen Mittwoch überhaupt nur noch ums Diskutieren in der CSU, man könnte auch sagen: ums Zeit gewinnen. Ein Abgeordneter sagt, die CSU sollte nicht noch zehn Tage mit ihrer Klausur warten. Das Treffen könnte auch am kommenden Wochenende stattfinden.

Inzwischen hat sich herumgesprochen, was es mit dem von Beckstein angesprochenen Mangel an Rückhalt auf sich hat. Oberbayern war gegen sein Verbleiben im Amt, dann gesellten sich die Niederbayern hinzu, nach der Devise, wenn "unser" Huber gehen musste, dann auch der Franke Beckstein. Proporzdenken nennt man das. Die Oberpfälzer solidarisierten sich, die Schwaben blieben neutral, die Franken hielten zu Beckstein.

Die Nervosität ist trotz aller Beschwichtigungen enorm. Am frühen Nachmittag kann noch keiner sagen, dass Seehofer das CSU-Ruder jetzt in die Hand nimmt. Eine böse dreinschauende Abgeordnete merkt an, es gebe noch 50 Wortmeldungen. Die Uhr zeigt 14 Uhr 30. Kurz darauf sickert durch, Seehofer werde es machen, aber nur unter der Bedingung, dass er von der CSU-Fraktion getragen wird. Diese wählt den Ministerpräsidenten in geheimer Wahl.

Um 15 Uhr kommt Bewegung in den Hof vor dem Sitzungssaal. Sicherheitsleute rennen herum. Da kommt Seehofer ums Eck, über eine Treppe und den Hinterausgang. "So beschwerlich war's noch nie, zum Pieseln zu gehen", ruft er und fügt auf drängende Fragen hinzu: "Es gibt kein Vakuum. Wir sind voll handlungsfähig. Das des klar is".

Da war soeben durchgedrungen, dass es mehrere Bewerber für das Amt des Regierungschefs aus den Reihen der Fraktion gibt. Deren Chef Georg Schmid, der sich als Initiator des Rauchverbots nicht nur Freunde machte. Innenminister Joachim Herrmann, ein Beckstein-Intimus, dem viele die Führungsqualitäten absprechen. Und Hochschulminister Thomas Goppel, der zwar einen bekannten Namen hat, aber längst nicht mehr das Vertrauen der ganzen Partei.

Von Gabriele Rettner-Halder

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