„Wir sind alle Deutschland“

Berlin..  Es ist ganz still am Brandenburger Tor, obwohl sich Tausende Menschen in der abendlichen Dunkelheit versammelt haben. Eben hat der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hier an der französischen Botschaft symbolisch einen Kranz niedergelegt zum Gedenken an die 17 Terror-Toten von Paris – den stummen Gang begleiten auch die Kanzlerin und der Bundespräsident. Jetzt sitzen Angela Merkel und Joachim Gauck ganz vorn auf einer Bühne, vor ihnen zitiert ein Imam aus dem Koran: „Wer ein menschliches Leben tötet, ohne dass es einen Mord begangen oder auf der Erde Unheil gestiftet hat, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hat.“

Mazyek verweist auf diesen Vers, der sich ähnlich auch im Alten Testament und der jüdischen Thora findet, und ruft in die Menge: „Die Terroristen haben mit ihrer Tat die größte Gotteslästerung begangen und den Islam verraten.“

Die Gesichter seiner Zuhörer sind ernst, aber auch entschlossen. Auf der Bühne sitzen fast alle Bundesminister, die Spitzen der Bundestagsparteien, die Vertreter der Religionsgemeinschaften. Ganz am Ende werden sie sich unterhaken, als Zeichen des Zusammenhalts.

Scharfschützenauf den Dächern

Davor haben sich mehrere Tausend Berliner versammelt, viele mit Schildern „Je suis Charlie“. Es ist eine beeindruckende Demonstration: Über alle Grenzen von Politik und Religion wollen sie ein Zeichen setzen gegen den Terror, für Toleranz und ein friedliches Miteinander; begleitet freilich von verschärften Sicherheitsmaßnahmen bis hin zu Scharfschützen der Polizei auf den Dächern der umliegenden Gebäude. Aufgerufen haben der Zentralrat der Muslime in Deutschland und die Türkische Gemeinde in Berlin, in Sorge vor einer Ausgrenzung von Muslimen in Deutschland nach dem Terrorakt von Paris. Sie ahnten nicht, wie groß die Resonanz sein würde – sie ist es auch deshalb, weil sich die Parteispitzen doch nicht auf eine eigene große Solidaritätskundgebung hatten einigen können. „Uns eint, dass wir der Gewalt und Intoleranz entgegentreten“, erklärt Mazyek dankbar. Und dann sagt er den Satz des Abends, den nach ihm auch der Bundespräsident als Hauptredner ausspricht: „Wir alle sind Deutschland“.

Gauck ruft in seiner immer wieder von Beifall unterbrochenen Rede alle Menschen unabhängig von Religion und Herkunft zum Einsatz für Demokratie und Weltoffenheit auf. „Die Terroristen wollten uns spalten. Erreicht haben sie das Gegenteil. Sie haben uns zusammengeführt“, betont Gauck. Den Terroristen rufe er zu: „Wir schenken Euch nicht unsere Angst. Euer Hass ist unser Ansporn.“

Auch kritischeWorte fallen

Der Präsident dankt den muslimischen Gemeinschaften ausdrücklich für ihre Verurteilung des Terrors: „Das ist ein patriotisches ‘Ja’ zu dem Land, in dem wir gemeinsam leben.“ Allerdings: In die kurzen Reden, die die Vertreter der anderen Religionsgemeinschaften halten, mischen sich bei allen Appellen zum Zusammenhalt auch kritische Worte. Der katholische Weihbischof Berlins, Matthias Heinrich, sagt, man müsse die Frage beantworten, was falsch gelaufen sei, wenn hier aufgewachsene Muslime voller Hass auf die Gesellschaft seien und als Dschihadisten in den Krieg zögen.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, ruft die Muslime auf, der immer stärkeren Radikalisierung im Islam in Asien, Afrika oder im Nahen Osten entgegenzutreten. Auch in Deutschland dürfe Antisemitismus unter jungen Muslimen nicht einfach hingenommen werden. Die Verunsicherung in der jüdischen Gemeinschaft werde auch hierzulande größer, klagt Lehrer. Und die Juden hätten manchmal den Eindruck, dass die Bedrohung vielen Menschen gleichgültig sei. Mazyek will das nicht gelten lassen. Er sagt, die Opfer von Paris, auch die jüdischen, seien für ihn wie Geschwister. „Die Terroristen haben nicht gesiegt. Und sie werden nicht siegen.“